Angststörungen
Phobische Störungen & Andere Angststörungen
12-Monatsprävalenz: 14-15%
Überblick
Die Angststörungen (F40-F41) umfassen eine Gruppe von Störungen, bei denen Angst entweder als Hauptsymptom (Phobien, Panikstörung) oder als überdauerndes Grundgefühl (Generalisierte Angststörung) auftritt. Kennzeichnend ist, dass die Angst unangemessen stark, anhaltend und mit erheblichem Leidensdruck oder Funktionsbeeinträchtigung verbunden ist. Phobische Störungen (F40) sind an spezifische Situationen oder Objekte gebunden, während andere Angststörungen (F41) nicht an bestimmte Umgebungsreize geknüpft sind. Angststörungen sind die häufigsten psychischen Störungen überhaupt und gehen unbehandelt mit hoher Chronifizierungsrate und erheblicher psychosozialer Beeinträchtigung einher.
Prävalenz
Verlauf & Prognose
Unbehandelt nehmen Angststörungen häufig einen chronischen Verlauf mit Phasen der Exazerbation und Besserung. Spontanremissionen sind selten (ca. 20% über 5 Jahre). Im Verlauf entwickeln sich häufig Vermeidungsverhalten, sekundäre Depressionen und Substanzmissbrauch (v.a. Alkohol als Selbstmedikation). Mit evidenzbasierter Therapie (KVT mit Exposition) erreichen 60-80% der Patienten eine deutliche Symptomreduktion. Die Prognose ist generell günstiger als bei Depression: Rückfallraten nach erfolgreicher KVT liegen bei 15-25% über 2 Jahre. Prädiktoren für ungünstigen Verlauf: früher Beginn, schwere Vermeidung, komorbide Depression, komorbide Persönlichkeitsstörung und geringes Ansprechen auf initiale Exposition.
Subtypen
Komorbiditäten
Diagnostik
ICD-10-Kriterien
Hauptkriterien
- ●Psychische und/oder vegetative Angstsymptome müssen primäre Manifestation der Störung sein (nicht sekundär zu anderen Symptomen wie Wahn oder Zwangsgedanken)
- ●Die Angst ist auf bestimmte Situationen/Objekte beschränkt (F40) oder tritt ohne spezifischen Auslöser auf (F41)
- ●Die Angstsymptome verursachen erheblichen Leidensdruck und/oder deutliche Funktionsbeeinträchtigung
Zusatzkriterien
- ○Vermeidungsverhalten gegenüber der angstauslösenden Situation oder dem Objekt
- ○Erwartungsangst (Angst vor der Angst)
- ○Vegetative Symptome: Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Mundtrockenheit
- ○Thorakale/abdominale Symptome: Atemnot, Beklemmungsgefühl, Übelkeit, Bauchschmerzen
- ○Psychische Symptome: Schwindel, Derealisierung, Depersonalisation, Kontrollverlustangst, Todesangst
- ○Allgemeine Symptome: Hitzewallungen, Kälteschauer, Taubheits- oder Kribbelgefühle
Screening-Instrumente
Differentialdiagnosen
Red Flags
- ⚠Akute Suizidalität — besonders bei komorbider Depression oder nach langem Leidensdruck mit Hoffnungslosigkeit
- ⚠Substanzmissbrauch als Selbstmedikation — Alkohol, Benzodiazepine, Cannabis. Abhängigkeit verschlechtert Prognose erheblich
- ⚠Schwere Agoraphobie mit Hausgebundenheit — Patient verlässt Wohnung nicht mehr, Notfallversorgung gefährdet
- ⚠Erstmanifestation panikartiger Symptome >45 Jahre — kardiovaskuläre und endokrine Ursachen aktiv ausschließen
- ⚠Dissoziative Symptome während Panikattacken — kann auf komorbide PTBS oder dissoziative Störung hinweisen
- ⚠Benzodiazepinabhängigkeit — häufig iatrogen bei chronischer Angststörung. Entzug vor/parallel zu KVT, da Benzos Expositionslernen blockieren
- ⚠Soziale Isolation bei sozialer Phobie — Schulvermeidung, Arbeitsplatzverlust, kompletter Rückzug. Schnelle Intervention nötig
Therapieansätze
Erste Wahl
KVT mit Exposition ist die am besten untersuchte und wirksamste Psychotherapie bei Angststörungen. Empfohlen als Erstlinientherapie für alle Angststörungen (Panik, Agoraphobie, Soziale Phobie, Spezifische Phobien, GAS). Exposition in vivo ist die zentrale Wirkkomponente. Überlegenheit gegenüber Warteliste, Placebo und aktiven Kontrollbedingungen in hunderten RCTs belegt.
Quelle: S3-LL Angststörungen 2022 (AWMF 051-028), Empfehlung 4.1
Zweite Wahl
Pharmakotherapie
Indikation: Bei mittelgradiger bis schwerer Angststörung als gleichwertige Alternative zur KVT oder als Kombination. Bei GAS häufiger indiziert als bei Phobien. Bei Panikstörung: SSRI als Erstlinie, nicht Benzodiazepine. Bei Spezifischen Phobien: Pharmakotherapie allein nicht empfohlen (Exposition ist überlegen).
Kombination von KVT und SSRI zeigt bei Panikstörung und Sozialer Phobie leichte Überlegenheit gegenüber Monotherapie. CAVE: Benzodiazepine nur kurzfristig (<4 Wochen) und nicht parallel zu Exposition — blockieren Extinktionslernen. Langfristig: Absetzen der Medikation nach 6-12 Monaten Remission unter KVT-Begleitung (Rückfallprophylaxe).
Spezielle Populationen
Interventionen & Übungen
Arbeitsblätter
Empfohlene Arbeitsblätter
Weitere Arbeitsblätter
Strukturierte Erstellung einer individuellen Angsthierarchie mit SUD-Ratings (0-100). Bildet die Grundlage für die gestufte Exposition. Dokumentiert für jede Stufe: Situation, erwartete Angst, tatsächliche Angst und das Ergebnis der Exposition.
Systematische Identifikation und Bewertung von Sicherheitsverhalten (Safety Behaviors). Patienten erkennen verdeckte Strategien, die kurzfristig Angst reduzieren, aber die Störung aufrechterhalten — z.B. Begleitung mitnehmen, Notfallmedikament in der Tasche, nahe am Ausgang sitzen.
Entspannungsverfahren
Empfohlene Übungen
Spezifische Techniken
Angewandte Entspannung in der Angstsituation (Applied Relaxation)
Konditionierte Schnellentspannung (20-30 Sekunden) als aktive Copingstrategie in angstauslösenden Situationen. Basiert auf Östs Applied Relaxation-Programm. Unterschied zu normaler Entspannung: Wird gezielt IN der Angstsituation eingesetzt, nicht als Vermeidung.
- 1.PMR-Langform beherrschen (Voraussetzung, ca. 2 Wochen tägliches Üben)
- 2.Kurzentspannung erlernen: Nur noch Entspannen ohne Anspannen (3 Min)
- 3.Schlüsselwort festlegen (z.B. 'Ruhe', 'Entspannen') und mit Entspannungsreaktion koppeln
- 4.Schnellentspannung trainieren: Bei Ausatmen Schlüsselwort sagen, sofort entspannen (20-30 Sek)
- 5.Erste Anwendung: Entspannung bei milden Alltagsstressoren
- 6.Transfer: Schnellentspannung bei ersten Angstanzeichen in der phobischen Situation einsetzen
Evidenz: Öst (1987): Applied Relaxation bei GAS vergleichbar wirksam mit KVT (d = 0.91). S3-LL Angststörungen: Empfehlungsgrad A für GAS.
Atemretraining bei Hyperventilation
Strukturierte Übung zur Korrektur des Atemmusters bei Panikstörung. Viele Panikpatienten hyperventilieren chronisch (niedrigerer pCO2), was Schwindel, Kribbeln und Derealisation auslöst. Das Atemretraining normalisiert die Atemfrequenz und -tiefe.
- 1.Psychoedukation: Zusammenhang Hyperventilation → CO2-Abfall → körperliche Symptome erklären
- 2.Aktuelle Atemfrequenz messen (normal: 10-14/Min; Panikpatienten oft >20/Min)
- 3.Zwerchfellatmung einüben: Hand auf Bauch, Einatmen 4 Sek (Bauch hebt sich), Ausatmen 6 Sek (Bauch senkt sich)
- 4.Atemfrequenz schrittweise auf 6-10/Min reduzieren
- 5.Ausatmung verlängern: Verhältnis Einatmen:Ausatmen = 1:2 (aktiviert Parasympathikus)
- 6.Transfer: Atemtechnik bei ersten Anzeichen von Hyperventilation oder Panik einsetzen
Evidenz: Meuret et al. (2010): Capnometry-assisted respiratory training reduziert Paniksymptome signifikant. Evidenzgrad B als Ergänzung zur Exposition.
Muster & Fallstricke
Typische Muster
Vermeidungsverhalten — die zentrale Aufrechterhaltung
Patient meidet zunehmend Situationen, die Angst auslösen. Die kurzfristige Erleichterung verstärkt das Vermeidungsverhalten (negative Verstärkung), während die Angst langfristig wächst und die Lebenswelt schrumpft. Die Vermeidung verhindert korrektive Erfahrungen.
Sicherheitsverhalten — die verdeckte Vermeidung
Patient geht zwar in angstauslösende Situationen, nutzt aber subtile Strategien zur Angstreduktion: Begleitung mitnehmen, Notfallmedikament in der Tasche, nahe am Ausgang sitzen, Blickkontakt vermeiden. Dies verhindert Extinktion: 'Es ging nur gut, weil ich mein Notfallmedikament dabei hatte.'
Katastrophisierung — Überschätzung von Gefahr und Konsequenzen
Angstpatienten überschätzen systematisch die Wahrscheinlichkeit negativer Ereignisse und deren Schwere. Gleichzeitig unterschätzen sie ihre Fähigkeit, mit der Situation umzugehen. Dies ist die zentrale kognitive Verzerrung bei allen Angststörungen.
Körperliche Fehlinterpretation (somatosensorische Amplifikation)
Besonders bei Panikstörung: Normale körperliche Empfindungen werden als bedrohlich interpretiert. Es entsteht ein Teufelskreis: Körperempfindung → katastrophale Bewertung → Angst → mehr Körpersymptome → mehr Angst. Aufmerksamkeitsfokus auf den Körper verstärkt das Problem.
Sorgenspiralen bei GAS — 'Was wäre wenn...?'
Patienten mit GAS zeigen endlose Sorgenketten: Ein Alltagsproblem wird durch 'Was wäre wenn'-Fragen immer weiter eskaliert, ohne je zu einer Lösung zu kommen. Die Sorge selbst wird als Kontrollstrategie erlebt ('Wenn ich mir Sorgen mache, bin ich vorbereitet').