F43.1
Belastungsstörungen

PTBS

Posttraumatische Belastungsstörung

12-Monatsprävalenz: 2-3%

2-3 Seiten Zusammenfassung

Überblick

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, ICD-10: F43.1) entsteht als verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Typische Auslöser sind Gewalterfahrungen (sexualisiert, physisch, psychisch), Kriegs- und Kampferlebnisse, schwere Unfälle, Naturkatastrophen, Folter sowie das Miterleben von Tod oder schwerer Verletzung anderer. Die Kernsymptomatik umfasst drei Cluster: Intrusionen (Wiedererleben), Vermeidung und Hyperarousal (Übererregung). In der ICD-11 wird zusätzlich die Komplexe PTBS (kPTBS) als eigenständige Diagnose eingeführt, die bei prolongierter, wiederholter Traumatisierung (z.B. Kindesmisshandlung, häusliche Gewalt) auftritt und zusätzlich Störungen der Affektregulation, des Selbstkonzepts und der Beziehungsfähigkeit umfasst.

ICD-10
F43.1
Häufigkeit
2-3% pro Jahr
Latenz
Wochen bis Monate nach Trauma
Therapiedauer
12-20 Sitzungen (traumafokussiert)
Remission
50-60% bei traumafokussierter Therapie
Chronifizierung
30-50% ohne Behandlung

Prävalenz

Gesamt: Lebenszeitprävalenz in Deutschland: 1,5-2,3% (Jacobi et al., 2014). 12-Monatsprävalenz: ca. 2-3%. Konditionale Wahrscheinlichkeit nach Traumaexposition: 10-20% (abhängig von Traumatyp).
Geschlecht: Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer (2:1), trotz geringerer Traumaexposition. Höchstes Risiko bei interpersoneller Gewalt, insbesondere sexualisierter Gewalt (konditionale PTBS-Rate bis 50%).
Alter: Erstmanifestation in jedem Alter möglich. Häufung im jungen Erwachsenenalter (18-35). Bei Kindern oft atypische Symptompräsentation (Verhaltensauffälligkeiten, Regression). Im Alter häufig Reaktivierung durch Verluste oder kognitive Einbußen.
Trend: Zunehmende Diagnosestellungen seit 2015, beeinflusst durch Fluchtbewegungen (hohe PTBS-Raten bei Geflüchteten: 30-50%), gesteigerte gesellschaftliche Sensibilisierung und verbesserte Diagnostik.

Verlauf & Prognose

Die PTBS entwickelt sich in der Regel innerhalb von sechs Monaten nach dem traumatischen Ereignis, seltener mit verzögertem Beginn (Late-onset PTBS). Ohne Behandlung zeigt etwa ein Drittel der Betroffenen eine Spontanremission innerhalb des ersten Jahres, ein Drittel persistierende Symptome mittlerer Intensität und ein Drittel einen chronischen Verlauf mit zunehmender Komorbidität. Mit evidenzbasierter traumafokussierter Psychotherapie (tf-KVT oder EMDR) erreichen 50-60% der Patienten eine Remission innerhalb von 12-20 Sitzungen. Prädiktoren für einen ungünstigen Verlauf sind: wiederholte oder interpersonelle Traumatisierung (Typ-II-Trauma), peritraumatische Dissoziation, fehlende soziale Unterstützung, komorbide Störungen (insbesondere Depression, Sucht), frühe Traumatisierung in der Kindheit und verzögerter Behandlungsbeginn. Bei Komplexer PTBS ist der Behandlungsverlauf in der Regel länger und erfordert eine vorgeschaltete Stabilisierungsphase.

Subtypen

F43.1
Posttraumatische Belastungsstörung
Klassische PTBS nach ICD-10 mit den drei Symptomclustern Intrusion, Vermeidung und Hyperarousal nach einem einzelnen oder mehreren traumatischen Ereignissen.
ICD-11: 6B41
Komplexe PTBS (kPTBS)
Eigenständige Diagnose in der ICD-11. Zusätzlich zu den PTBS-Kernkriterien: Störungen der Affektregulation, negatives Selbstkonzept (Schuld, Scham, Wertlosigkeit) und Beziehungsstörungen. Typisch nach prolongierter, wiederholter interpersoneller Traumatisierung.
F43.0
Akute Belastungsreaktion
Vorübergehende Störung innerhalb von Stunden nach dem Trauma, klingt innerhalb von Stunden bis Tagen ab. Keine eigenständige PTBS-Vorstufe, aber Risikofaktor.

Komorbiditäten

F32Depressive EpisodeHäufig
F33Rezidivierende depressive StörungHäufig
F41.1Generalisierte AngststörungHäufig
F41.0PanikstörungHäufig
F10AlkoholabhängigkeitHäufig
F13Sedativa-/HypnotikaabhängigkeitGelegentlich
F60.3Emotional instabile PS (Borderline)Gelegentlich
F45Somatoforme StörungenGelegentlich
F44Dissoziative StörungenGelegentlich
F51.0Nichtorganische InsomnieHäufig

Diagnostik

ICD-10-Kriterien

Hauptkriterien

  • Wiederholtes Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Intrusionen/Flashbacks) oder in Träumen (Albträume), die vor dem Hintergrund eines andauernden Gefühls von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit auftreten
  • Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten
  • Zustand vegetativer Übererregtheit (Hyperarousal) mit Vigilanzsteigerung, übermäßiger Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen

Zusatzkriterien

  • Teilweiser oder vollständiger Verlust der Erinnerung an das traumatische Ereignis (psychogene Amnesie)
  • Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen
  • Teilnahmslosigkeit gegenüber der Umgebung
  • Anhedonie (Freudlosigkeit)
  • Gefühl von Entfremdung (Depersonalisation/Derealisation)
Erforderlich
Nachweis eines belastenden Ereignisses außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (Trauma-Kriterium). Symptome aus allen drei Clustern (Intrusion, Vermeidung, Hyperarousal). Beginn innerhalb von 6 Monaten nach dem Trauma (in Ausnahmen auch später).
Dauer
Die Symptome müssen über mindestens einen Monat persistieren. Bei kürzerer Dauer: Akute Belastungsreaktion (F43.0) erwägen.

Schweregrade

F43.1LeichtSymptome aus allen drei Clustern, aber mäßige funktionelle Beeinträchtigung. Alltag unter Schwierigkeiten aufrechterhaltbar.
F43.1MittelgradigDeutliche Symptomatik mit erheblicher Beeinträchtigung in Beruf und Sozialleben. Vermeidungsverhalten ausgeprägt.
F43.1SchwerMassive Symptombelastung mit Dissoziation, Arbeitsunfähigkeit, sozialer Isolation. Häufig mit Komorbidität.

Screening-Instrumente

PCL-5PTSD Checklist for DSM-5Frei verfügbar
20 Items
Cut-off: >= 33 (wahrscheinliche PTBS)
Sens.: 88%
Spez.: 69%
Zum Instrument →
IES-RImpact of Event Scale — RevisedFrei verfügbar
22 Items
Cut-off: >= 33 (klinisch relevant)
Sens.: 79%
Spez.: 82%
Zum Instrument →
CTQChildhood Trauma Questionnaire
28 Items
Cut-off: Subskalen-spezifisch (5 Traumadimensionen)
Sens.: 85%
Spez.: 76%
PDS-5Posttraumatische Diagnostische Skala
24 Items
Cut-off: >= 28
Sens.: 89%
Spez.: 75%
ITQInternational Trauma QuestionnaireFrei verfügbar
18 Items
Cut-off: Algorithmisch (PTBS + kPTBS nach ICD-11)
Sens.: 85%
Spez.: 84%
Zum Instrument →

Differentialdiagnosen

F43.2
AnpassungsstörungBelastungsreaktion auf identifizierbaren Stressor, der nicht die Traumaschwere der PTBS erreicht (z.B. Trennung, Jobverlust). Keine Intrusionen/Flashbacks. Symptome klingen nach Wegfall des Stressors innerhalb von 6 Monaten ab.
F43.0
Akute BelastungsreaktionUnmittelbare Reaktion auf ein traumatisches Ereignis. Beginn innerhalb von Minuten, Abklingen innerhalb von Stunden bis maximal 3 Tagen. Keine persistierende Symptomatik.
F60.31
Borderline-PersönlichkeitsstörungÜberlappung bei kPTBS: Affektdysregulation, Identitätsstörung, Beziehungsprobleme. Unterscheidung: BPS zeigt Angst vor Verlassenwerden, Idealisierung/Entwertung, chronische Leere. Häufig komorbid — sorgfältige Differenzierung nötig.
F44
Dissoziative StörungenDissoziation steht im Vordergrund (Amnesie, Fugue, Konversionssymptome). Bei PTBS ist Dissoziation sekundär. Häufig komorbid, aber eigenständige dissoziative Störung kann auch ohne PTBS-Kriterien vorliegen.
F32
Depressive EpisodeAffektive Symptomatik (Anhedonie, Antriebsverlust) kann überlappen. Unterscheidung: Bei Depression keine Intrusionen/Flashbacks, kein traumaspezifisches Vermeidungsverhalten. Häufig komorbid (50-80%).
F41.0
PanikstörungPanikattacken können bei PTBS als Triggerreaktion auftreten, sind dann aber situationsgebunden (Trauma-Trigger). Bei Panikstörung: spontane, unerwartete Attacken ohne Traumabezug.

Red Flags

  • Akute Suizidalität — Bei PTBS erhöhtes Suizidrisiko (OR 2,7), besonders bei komorbider Depression. Sofortige Risikoabklärung nach C-SSRS.
  • Schwere dissoziative Symptome (Depersonalisation, Derealisation, dissoziative Amnesie) — Stabilisierung vor Traumakonfrontation zwingend erforderlich.
  • Komorbider Substanzmissbrauch (Alkohol, Benzodiazepine, Cannabis) — Häufige Selbstmedikation. Suchtbehandlung parallel oder vorgeschaltet. Entzugssymptome können Traumasymptome maskieren.
  • Anhaltende akute Bedrohungssituation — Patient befindet sich noch in der Gewaltsituation (häusliche Gewalt, Stalking). Sicherheit herstellen vor Traumatherapie.
  • Floride psychotische Symptome — Differenzialdiagnostische Abklärung, ggf. psychiatrische Mitbehandlung.
  • Selbstverletzendes Verhalten — Häufig bei kPTBS als Affektregulationsstrategie. Vor Exposition: alternative Skills aufbauen (DBT-Skills).
  • Schwere somatische Komorbidität — Chronische Schmerzsyndrome, somatoforme Beschwerden. Somatische Abklärung vor Traumatherapie.

Therapieansätze

Erste Wahl

KVTEvidenz Ad = 1.27 (groß)

Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie (tf-KVT) ist die am besten evaluierte Methode bei PTBS. Umfasst Prolonged Exposure (PE) nach Foa und Cognitive Processing Therapy (CPT) nach Resick. S3-Leitlinie empfiehlt tf-KVT als Erstlinientherapie mit höchstem Empfehlungsgrad. 12-20 Sitzungen, Wirksamkeit sowohl bei Typ-I- als auch Typ-II-Traumata belegt.

Quelle: S3-LL PTBS (AWMF 051-010, 2019), Empfehlung 5.1

EMDREvidenz Ad = 1.01 (groß)

Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) ist gleichwertig zur tf-KVT in der Erstlinienbehandlung der PTBS empfohlen. Standardprotokoll nach Shapiro mit 8 Phasen. Besonders effizient bei Einzeltraumatisierungen (Typ-I-Trauma). Häufig kürzere Behandlungsdauer als PE/CPT.

Quelle: S3-LL PTBS (AWMF 051-010, 2019), Empfehlung 5.2

Zweite Wahl

Evidenz B
TPPsychodynamische Traumatherapie bei Patienten mit komplexer Traumatisierung und Persönlichkeitspathologie. Fokus auf unbewusste Konfliktdynamiken, Übertragung und Bindungsmuster. Längerfristiger Behandlungsansatz bei kPTBS.
Evidenz B
DBTDBT-PTSD (Bohus et al.) als spezifische Adaptation für kPTBS mit schwerer Affektdysregulation und Selbstverletzung. Kombination aus DBT-Skilltraining und traumafokussierten Expositionselementen. Besonders bei komorbider BPS.
Evidenz B
ACTBei Patienten mit ausgeprägter Erlebnisvermeidung und eingeschränkter Bereitschaft zur direkten Traumaexposition. Fokus auf psychische Flexibilität, Werteorientierung und Akzeptanz traumabezogener Erfahrungen.

Pharmakotherapie

Indikation: Pharmakotherapie bei PTBS ist Mittel der zweiten Wahl (Empfehlungsgrad B). Indiziert wenn: traumafokussierte Psychotherapie nicht verfügbar/abgelehnt wird, schwere komorbide Depression, ausgeprägte Schlafstörungen oder als Adjuvans zur Psychotherapie bei unzureichendem Ansprechen.

Mittel der Wahl: SSRI: Sertralin (50-200 mg), Paroxetin (20-50 mg) — einzige für PTBS zugelassene Medikamente, SNRI: Venlafaxin (75-225 mg) — off-label, aber gut belegt, Prazosin (1-15 mg zur Nacht) — spezifisch bei Albträumen und Schlafstörungen, Quetiapin niedrigdosiert (25-100 mg) — bei schwerer Schlafstörung und Hyperarousal

Die S3-Leitlinie empfiehlt Psychotherapie als Behandlung der ersten Wahl. Pharmakotherapie soll nicht als alleinige Therapie bei PTBS eingesetzt werden, wenn traumafokussierte Psychotherapie verfügbar ist. Die Kombination aus tf-KVT/EMDR und SSRI kann bei schwerer Symptomatik oder komorbider Depression sinnvoll sein.

Spezielle Populationen

Komplexe PTBS (kPTBS): Phasenorientiertes Vorgehen empfohlen: (1) Stabilisierung und Ressourcenaufbau, (2) Traumabearbeitung, (3) Integration und Neuorientierung. Stabilisierungsphase länger als bei einfacher PTBS. DBT-PTSD oder Schema-Therapie-Elemente erwägen. Nicht-Stabilisierung als Vermeidung erkennen — Traumaexposition nicht unnötig hinauszögern.
Geflüchtete mit PTBS: Narrative Expositionstherapie (NET) als evidenzbasierte Methode speziell für Mehrfachtraumatisierung. Unsicherer Aufenthaltsstatus und anhaltende Belastungen beachten. Dolmetscher-gestützte Therapie möglich und wirksam. Kulturelle Traumakonzepte berücksichtigen.
PTBS bei älteren Erwachsenen: Reaktivierung früherer Traumata durch altersassoziierte Verluste (Berentung, Verwitwung, kognitive Einbußen). Kriegstraumata der Nachkriegsgeneration beachten. Angepasste Psychoedukation, kürzere Sitzungen, mehr Wiederholungen.
PTBS nach sexualisierter Gewalt: Höchste konditionale PTBS-Rate (bis 50%). Besonders ausgeprägte Scham- und Schuldgefühle. Therapeutische Beziehung und Sicherheit haben höchste Priorität. Geschlechtsspezifische Therapiegestaltung beachten. CPT besonders wirksam bei Schuld-/Scham-Thematik.

Interventionen & Übungen

Arbeitsblätter

Empfohlene Arbeitsblätter

Trauma-Narrativ Struktur (schriftlich)
Strukturierte Vorlage für die schriftliche Traumanarration. Zentral für CPT und NET. Hilft, fragmentierte Erinnerungen in eine kohärente Geschichte zu überführen.
Phase: Arbeitsphase — Traumabearbeitung
5-4-3-2-1 Grounding-Technik
Die 5-4-3-2-1-Technik als Kartenformat für den Alltag. Essenziell bei Flashbacks und dissoziativen Zuständen. Patient trägt die Karte immer bei sich.
Phase: Gesamte Therapie — Notfallintervention
Sicherheitssignale bei Panik
Individualisierte Karte mit persönlichen Sicherheitssignalen. Hilft dem Patienten, im Alltag zwischen 'damals' (Trauma) und 'jetzt' (Sicherheit) zu unterscheiden.
Phase: Stabilisierungsphase — Sicherheit
Persönlicher Notfallplan bei Krisen
Individueller Krisenplan bei Suizidalität, schwerer Dissoziation oder Überflutung. Sollte frühzeitig erstellt und regelmäßig aktualisiert werden. Enthält Kontaktnummern, Skills und Eskalationsstufen.
Phase: Gesamte Therapie — Krisenmanagement
DBT Skills-Notfallkoffer
DBT-Skills-Notfallkoffer für PTBS-Patienten mit schwerer Affektdysregulation. Enthält Distress-Tolerance-Skills wie Eiswürfel, starke Gerüche, intensive Bewegung.
Phase: Stabilisierungsphase — Affektregulation
Emotionsprotokoll mit Regulation
Dokumentation von Trigger-Situationen, Emotionen und Reaktionen. Macht Zusammenhänge zwischen Trauma-Triggern und emotionalen Reaktionen sichtbar.
Phase: Arbeitsphase — Emotionsregulation
Schlafhygiene-Protokoll
Schlafstörungen und Albträume sind Kernsymptome der PTBS. Strukturierte Dokumentation ermöglicht gezielte Interventionen (Schlafhygiene, Imagery Rehearsal Therapy).
Phase: Arbeitsphase — Schlafmanagement
Biografische Zeitleiste
Chronologische Darstellung der Lebensgeschichte mit Traumata, Ressourcen und Wendepunkten. Grundlage für NET-Lifeline und Behandlungsplanung.
Phase: Anfangsphase — Anamnese
Persönlicher Selbstfürsorge-Plan
Traumatisierte Patienten vernachlässigen häufig Selbstfürsorge. Strukturierter Plan fördert Selbstregulation und wirkt der Selbstentfremdung entgegen.
Phase: Gesamte Therapie — Ressourcenaufbau
Rückfallpräventionsplan
Identifikation von Trigger-Situationen, Frühwarnzeichen und Handlungsplan bei Symptomverschlechterung. Senkt Rückfallrisiko nachweislich.
Phase: Abschlussphase — Rückfallprävention

Weitere Arbeitsblätter

Stuck Points Protokoll (PTBS)Evidenz A

Arbeitsblatt zur Identifikation und Bearbeitung traumabezogener dysfunktionaler Kognitionen (Stuck Points) nach dem CPT-Modell. Patient dokumentiert belastende Überzeugungen, prüft Evidenz und entwickelt balancierte Alternativgedanken in den fünf Themenbereichen: Sicherheit, Vertrauen, Macht/Kontrolle, Wertschätzung, Intimität.

Spalten: Stuck Point (Überzeugung) • Themenbereich • Evidenz dafür • Evidenz dagegen • Balancierter Gedanke
Trigger-Tagebuch (PTBS)Evidenz A

Tägliches Monitoring von Trauma-Triggern, Intrusionen und Vermeidungsverhalten. Dokumentiert die Situation, den Trigger (sensorisch/kognitiv/emotional), die Intensität der Reaktion (SUDS 0-10), die angewandte Bewältigungsstrategie und deren Wirksamkeit. Grundlage für die Expositionsplanung und Fortschrittsdokumentation.

Spalten: Datum/Zeit • Situation • Trigger • Reaktion (SUDS 0-10) • Bewältigungsstrategie • SUDS danach

Entspannungsverfahren

Empfohlene Übungen

Sicherer Ort - Multisensorische Verankerung
Zentrale Stabilisierungsübung bei PTBS. Aufbau einer inneren Ressource zur Selbstregulation bei Flashbacks, Überflutung und vor/nach Expositionssitzungen.
Empfohlener Einsatz: In der Stabilisierungsphase einführen und täglich 5-10 Min üben. Vor und nach jeder Expositionssitzung als Rahmen einsetzen.
Progressive Muskelrelaxation (PMR)
Reduktion des chronischen Hyperarousals (Kernsymptom der PTBS). Hilft bei Schlafstörungen, muskulärer Anspannung und Schreckhaftigkeit.
Empfohlener Einsatz: Täglich abends 15-20 Min. Cave: Bei dissoziativen Patienten mit offenen Augen durchführen, Körperkontakt vorher ankündigen.
Diaphragmatische Atmung (Bauchatmung)
Schnelle Intervention bei akutem Hyperarousal und Panik. Aktiviert den Parasympathikus und unterbricht die Stressreaktion.
Empfohlener Einsatz: Als Sofortmaßnahme bei Trigger-Reaktionen und vor dem Einschlafen. 5-10 Min. Verlängerte Ausatmung besonders wirksam.
5-Finger-Atmung
Einfache, visuell-taktile Atemübung. Besonders geeignet als Grounding-Technik, da sie multiple sensorische Kanäle anspricht.
Empfohlener Einsatz: Als niedrigschwellige Übung im Alltag, auch in der Öffentlichkeit unauffällig anwendbar. 3-5 Min.
Zyklisches Seufzen (Cyclic Sighing)
Evidenzbasierte Atemtechnik zur schnellen Reduktion von autonomer Erregung. Doppeltes Einatmen + langes Ausatmen aktiviert den Vagusnerv.
Empfohlener Einsatz: Als Akuttechnik bei Hyperarousal. 5 Min tägliche Praxis senkt Baseline-Anspannung. Huberman Lab (2023) — RCT-Daten.

Spezifische Techniken

Containment-Übung (Tresor/Container)

Imaginationsübung zur vorübergehenden Aufbewahrung belastender Erinnerungen, Bilder und Gefühle in einem sicheren 'Behälter'. Ermöglicht dem Patienten, traumatisches Material kontrolliert 'wegzupacken', wenn es nicht gerade therapeutisch bearbeitet wird. Verhindert unkontrollierte Überflutung im Alltag.

  1. 1.Patient stellt sich einen sicheren, verschließbaren Behälter vor (Tresor, Truhe, Container) — unzerstörbar, nur der Patient hat den Schlüssel
  2. 2.Belastendes Material (Bilder, Erinnerungen, Gefühle) konkret benennen und in den Behälter legen
  3. 3.Behälter sicher verschließen. Patient bestimmt selbst, wann er wieder geöffnet wird (z.B. in der nächsten Therapiesitzung)
  4. 4.Verankern: 'Der Tresor ist sicher verschlossen. Die Erinnerungen sind aufbewahrt, aber sie kontrollieren mich nicht.'
  5. 5.Überleitung: Sicherer Ort aufsuchen oder Grounding-Übung, um in der Gegenwart anzukommen

Evidenz: Reddemann (2011) — Psychodynamisch-Imaginative Traumatherapie (PITT). Klinischer Konsens, in allen Traumatherapie-Manualen empfohlen.

Lichtstrahl-Übung (Body Scan bei PTBS)

Adaptierter Body Scan speziell für traumatisierte Patienten. Statt des klassischen Body Scans (der Dissoziation triggern kann) wird ein warmer Lichtstrahl imaginiert, der heilend durch den Körper wandert und Anspannung löst. Baut behutsam die Verbindung zum eigenen Körper wieder auf, die durch Trauma oft unterbrochen ist.

  1. 1.Bequeme, aufrechte Sitzposition. Augen offen oder geschlossen (Patient entscheidet — bei Dissoziation: Augen offen)
  2. 2.Warmen Lichtstrahl am Scheitel vorstellen — Farbe, Wärme, Qualität vom Patienten wählen lassen
  3. 3.Lichtstrahl wandert langsam durch den Körper: Kopf, Nacken, Schultern, Arme, Hände, Rumpf, Becken, Beine, Füße
  4. 4.Bei Anspannung oder Blockaden: Licht verweilt dort, wärmt, löst auf. Patient atmet in die Stelle hinein.
  5. 5.Abschluss: Gesamter Körper durchströmt. Nachspüren: Wie fühlt sich mein Körper jetzt an? Was hat sich verändert?

Evidenz: Reddemann (2011) — PITT. Klinischer Konsens bei komplexer Traumatisierung.

Schmetterlingsumarmung (Butterfly Hug)

Selbstanwendbare bilaterale Stimulationstechnik aus dem EMDR-Kontext. Die gekreuzten Arme klopfen abwechselnd auf die Schultern und erzeugen bilaterale Stimulation, die beruhigend wirkt. Kann vom Patienten jederzeit selbstständig eingesetzt werden — bei Flashbacks, Einschlafproblemen oder Anspannung.

  1. 1.Arme vor der Brust kreuzen, Hände auf die gegenüberliegende Schulter legen
  2. 2.Abwechselnd rechts-links auf die Schultern klopfen (langsam, rhythmisch)
  3. 3.Dabei auf den Atem achten: Langsam und tief atmen
  4. 4.Optional: Sicherer Ort oder positive Erinnerung dabei aktivieren
  5. 5.2-3 Minuten durchführen, dann pausieren und nachspüren

Evidenz: Artigas & Jarero (2014) — Entwickelt für Massentraumatisierung (Naturkatastrophen). Klinisch weit verbreitet, niedrige Evidenzstufe als Einzelintervention, aber als Teil von EMDR-Stabilisierung etabliert.

Muster & Fallstricke

Typische Muster

Vermeidung als Kernmechanismus

Vermeidung ist der zentrale aufrechterhaltende Faktor der PTBS. Patienten vermeiden Orte, Personen, Gespräche, Gedanken und Gefühle, die mit dem Trauma assoziiert sind. Kurzfristig reduziert Vermeidung die Angst, langfristig verhindert sie die Verarbeitung der traumatischen Erinnerung und hält die Störung aufrecht.

Beispiel: Patient vermeidet seit dem Autounfall jegliches Autofahren, fährt nicht mehr auf die Autobahn, meidet die Unfallstelle großräumig. Zunehmend auch Vermeidung von Nachrichten mit Unfallberichten, Gesprächen über Autos und sogar dem Gedanken an den Unfall. Lebenswelt wird immer kleiner.
Intervention: Psychoedukation: Teufelskreis der Vermeidung erklären. Expositionshierarchie erstellen (SUDS 0-100). Schrittweise In-vivo-Exposition beginnen mit mittleren SUDS-Werten. Parallel: Imaginative Exposition der Traumaerinnerung (PE oder EMDR).

Dissoziative Reaktionen

Dissoziation als Schutzmechanismus bei Trauma: Depersonalisation ('Ich fühle mich nicht real'), Derealisation ('Die Welt fühlt sich fremd an'), emotionale Taubheit, dissoziative Amnesie oder Flashback-Dissoziation (Patient 'ist wieder dort'). Bei kPTBS häufig chronifiziert.

Beispiel: Patientin berichtet: 'Wenn mein Partner die Stimme hebt, bin ich plötzlich weg. Ich höre ihn noch, aber es ist wie hinter einer Glaswand. Ich fühle meinen Körper nicht mehr.' In der Sitzung: starrer Blick, verzögerte Reaktionen, kann sich an Sitzungsinhalte nicht erinnern.
Intervention: Dissoziationsstopps etablieren: Augen öffnen, Eiswürfel, Füße spüren, laut den eigenen Namen sagen. Grounding-Techniken (5-4-3-2-1). Toleranzfenster (Window of Tolerance) psychoedukativ vermitteln. In der Sitzung: Dissoziation sofort unterbrechen, nicht 'durcharbeiten'. Dissoziations-Skills VOR Traumaexposition aufbauen.

Schuld und Scham

Traumabezogene Schuld ('Ich hätte es verhindern müssen') und Scham ('Ich bin schmutzig/beschädigt') sind bei PTBS besonders hartnäckige Kognitionen, vor allem nach interpersoneller Gewalt. Sie sind keine einfachen kognitiven Verzerrungen, sondern tief verwurzelte Überzeugungen, die das Selbstbild betreffen.

Beispiel: Patientin nach sexualisierter Gewalt: 'Ich hätte mich wehren müssen. Warum habe ich nicht geschrien? Irgendwie muss es meine Schuld gewesen sein.' Rationalisiert die Täterverantwortung weg, um ein Gefühl von Kontrolle aufrechtzuerhalten ('Wenn es meine Schuld war, kann ich es nächstes Mal verhindern').
Intervention: CPT: Stuck Points zu Schuld und Scham gezielt bearbeiten. Sokratisches Hinterfragen: 'Freeze-Reaktion' als neurobiologische Schutzreaktion erklären (keine Entscheidung). Schuld vs. Verantwortung differenzieren. Mitgefühl mit dem jüngeren Selbst fördern. Cave: Nicht zu schnell entlasten — Patient muss die Erkenntnis selbst entwickeln.

Retraumatisierung in der Therapie

Die Traumabearbeitung kann selbst retraumatisierend wirken, wenn sie ohne ausreichende Stabilisierung, ohne klares Rationale oder mit unzureichender Dosierung durchgeführt wird. Zeichen: Patient verschlechtert sich über Wochen, dissoziiert regelmäßig in Sitzungen, bricht Therapie ab oder zeigt zunehmendes Vermeidungsverhalten.

Beispiel: Therapeut beginnt Prolonged Exposure ohne ausreichende Stabilisierung. Patient dissoziiert während der Exposition, erlebt die Sitzung als unkontrolliert und bedrohlich. Zwischen den Sitzungen massive Verschlechterung, Albträume, Substanzmissbrauch. Patient erscheint nicht mehr.
Intervention: Prävention: Phasenmodell einhalten — erst Stabilisierung, dann Exposition. Informierte Einwilligung: Patient versteht, warum Exposition hilft und was passiert. SUDS-Monitoring in jeder Sitzung. Dissoziation sofort erkennen und unterbrechen. Dosierung anpassen: Lieber kürzer und kontrolliert als zu lang und überflutend. Abschlussrituale nach jeder Expositionssitzung.

Somatisierung und körperliche Traumafolgen

Trauma wird häufig im Körper gespeichert. Patienten präsentieren chronische Schmerzen, funktionelle gastrointestinale Beschwerden, Muskelverspannungen oder psychovegetative Symptome, ohne dass eine organische Ursache gefunden wird. Der Körper 'erinnert', auch wenn die bewusste Erinnerung fragmentiert ist.

Beispiel: Patient nach körperlicher Gewalt: Chronische Rückenschmerzen und Bauchkrämpfe seit dem Überfall, alle somatischen Befunde unauffällig. Körperberührung (auch beim Arzt) löst Anspannung und Rückzug aus. Patient kommt wegen der Schmerzen, nicht wegen des Traumas.
Intervention: Somatische Abklärung zuerst (nicht alles ist psychogen). Dann: Psychoedukation zu Zusammenhang Trauma-Körper. Behutsamer Body Scan (Lichtstrahl-Übung). Somatic Experiencing-Elemente: Pendeln zwischen Anspannung und Ressource. Körperbasierte Grounding-Techniken.

Therapeutische Fallstricke

Exposition ohne Stabilisierung beginnen
Folge: Unkontrollierte Dissoziation, Retraumatisierung, Therapieabbruch. Patient erlebt die Therapie als ebenso unkontrollierbar wie das Trauma.
Phasenmodell einhalten: Erst Stabilisierung (Sicherer Ort, Grounding, Affektregulation), dann Exposition. Bei einfacher PTBS reichen 1-3 Stabilisierungssitzungen, bei kPTBS ggf. länger — aber nicht endlos.
Endlose Stabilisierung ohne Traumakonfrontation
Folge: Die Therapie wird zur Vermeidungsstrategie. Patient fühlt sich 'stabil', aber die PTBS persistiert. Chronifizierung wird iatrogen gefördert.
Stabilisierung ist Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Evidenz zeigt: Traumafokussierte Therapie ist der wirksame Faktor, nicht die Stabilisierung allein. Klares Ziel und Zeitplan für den Übergang zur Exposition setzen.
Vermeidung in der Exposition nicht erkennen
Folge: Patient 'macht mit', aber dissoziiert, intellektualisiert oder bleibt emotional unbeteiligt. Exposition bleibt wirkungslos, weil keine emotionale Aktivierung stattfindet.
Zeichen von Vermeidung: Augen öffnen, Thema wechseln, lachen, intellektualisieren ('Das war halt so'), flache Stimme, starre Mimik. Aktiv nachfragen: 'Wo sind Sie gerade? Was fühlen Sie im Körper?' SUDS regelmäßig abfragen.
Traumadetails erzwingen oder zu detailliert nachfragen
Folge: Voyeuristisches Erleben für den Patienten. Kann beschämend und retraumatisierend wirken. Patient fühlt sich wie im Verhör.
Der Patient bestimmt das Tempo. Expositionsnarration braucht Details, aber der Therapeut hört zu — er verhört nicht. Fragen nur zur Vertiefung, wenn der Patient vermeidet, nicht aus Neugier.
Suizidalität nicht regelmäßig erfassen
Folge: PTBS-Patienten haben ein 2-3-fach erhöhtes Suizidrisiko. Insbesondere während der Expositionsphase kann die Belastung zunehmen.
In jeder Sitzung aktiv nach Suizidalität fragen. Krisenplan aktuell halten. Bei Verschlechterung: Exposition pausieren, nicht abbrechen. Sicherheitsnetz aktivieren.

Gegenübertragung

Sekundäre Traumatisierung (Vicarious Trauma): Die regelmäßige Arbeit mit Traumamaterial kann beim Therapeuten eigene Traumasymptome auslösen: Intrusionen, Schlafstörungen, veränderte Weltannahmen. Supervision, Selbstfürsorge und Begrenzung der PTBS-Fälle pro Woche sind essenziell. Nicht als Schwäche, sondern als Berufsrisiko ernst nehmen.
Überbehütung und Vermeidung der Exposition: Therapeut 'schont' den Patienten und vermeidet die Traumakonfrontation — oft unbewusst. 'Der Patient ist noch nicht stabil genug' wird zur Dauerdiagnose. Eigene Angst vor dem Material reflektieren. Supervision: Wessen Vermeidung ist es — die des Patienten oder meine?
Ohnmacht und Hilflosigkeit: Angesichts schwerer Traumata kann der Therapeut ein Gefühl der Überwältigung und Hilflosigkeit erleben. 'Was ich tue, reicht nie.' Realistische Therapieziele setzen. Nicht den Retter spielen. Kleine Fortschritte wahrnehmen und benennen.
Wut auf den Täter / Parteinahme: Intensive Wut auf den Täter ist menschlich nachvollziehbar, kann aber die therapeutische Haltung beeinträchtigen. Therapeut wird zum 'Verbündeten' statt zum professionellen Begleiter. Risiko: Patient darf eigene ambivalente Gefühle (z.B. Bindung an den Täter) nicht zeigen, weil der Therapeut 'parteiisch' ist. Allparteilichkeit bewahren, ohne Neutralität zu verwechseln.

Leitlinien

S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung

Version 2019 • AWMF 051-010
Zur Leitlinie →

Kernempfehlungen

A
Traumafokussierte Psychotherapie (tf-KVT oder EMDR) soll allen PTBS-Patienten als Erstlinienbehandlung angeboten werden.
Metaanalysen zeigen große Effektstärken (d > 1.0) für tf-KVT und EMDR gegenüber Warteliste und aktiven Kontrollgruppen.
A
Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie (tf-KVT), einschließlich Prolonged Exposure (PE) und Cognitive Processing Therapy (CPT), wird mit dem höchsten Evidenzgrad empfohlen.
PE und CPT sind die am umfangreichsten evaluierten Psychotherapieverfahren bei PTBS (>200 RCTs).
A
EMDR soll als gleichwertige Alternative zur tf-KVT angeboten werden.
Direkte Vergleichsstudien zeigen keine signifikanten Unterschiede in der Wirksamkeit zwischen EMDR und tf-KVT.
B
Pharmakotherapie (SSRI: Sertralin, Paroxetin) sollte angeboten werden, wenn traumafokussierte Psychotherapie nicht möglich oder nicht gewünscht ist.
Effektstärken der Pharmakotherapie sind geringer als bei traumafokussierter Psychotherapie (d = 0.42 vs. d = 1.27).
A
Nicht-traumafokussierte Verfahren (z.B. supportive Therapie, Entspannung allein) sollen nicht als alleinige Behandlung bei PTBS eingesetzt werden.
Deutlich geringere Wirksamkeit als traumafokussierte Verfahren. Als alleinige Therapie nicht ausreichend.
A
Benzodiazepine sollen bei PTBS nicht eingesetzt werden.
Keine Wirksamkeit bei PTBS-Kernsymptomen. Hohes Abhängigkeitspotenzial. Können Traumaverarbeitung behindern.

Weitere Leitlinien & Empfehlungen

ISTSS Prevention and Treatment Guidelines for PTSD
International Society for Traumatic Stress Studies, 2018/2024Internationale Referenzleitlinie mit weltweiter Akzeptanz. Empfiehlt traumafokussierte KVT und EMDR als Erstlinienbehandlung (strong recommendation). Berücksichtigt auch kPTBS und kulturspezifische Anpassungen.
Link →
NICE Guideline: Post-Traumatic Stress Disorder
National Institute for Health and Care Excellence (UK), 2018 (updated 2023)Britische Referenzleitlinie. Empfiehlt tf-KVT und EMDR. Besonderheit: Betont, dass Traumatherapie innerhalb von 1-3 Monaten nach Diagnosestellung beginnen sollte.
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S3-Leitlinie PTBS-bezogene Dissoziative Störungen
AWMF, in RevisionErgänzende Leitlinie für die Behandlung dissoziativer Symptome im Kontext von PTBS. Relevant bei kPTBS mit ausgeprägter Dissoziation.
VA/DoD Clinical Practice Guideline for PTSD and Acute Stress Disorder
US Department of Veterans Affairs, 2023US-amerikanische Leitlinie mit besonderem Fokus auf Veteranen-PTBS. Empfiehlt PE, CPT und EMDR als First-Line. Umfassende Evidenztabellen und Algorithmen.
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Literatur

Grundlagenwerke

Ehlers A, Clark DM (2000). A cognitive model of posttraumatic stress disorder. Behaviour Research and Therapy, 38(4), 319-345.
Einflussreichstes kognitives Modell der PTBS. Erklärt die Aufrechterhaltung durch maladaptive Bewertungen des Traumas und seiner Folgen sowie durch die Art des Traumagedächtnisses (fragmentiert, schlecht kontextualisiert). Grundlage der Kognitiven Therapie für PTBS (CT-PTSD).
Foa EB, Rothbaum BO (1998). Treating the Trauma of Rape: Cognitive-Behavioral Therapy for PTSD. Guilford Press.
Grundlagenwerk für Prolonged Exposure (PE). Beschreibt die Emotionale Verarbeitungstheorie und das PE-Protokoll. PE ist eines der am besten evaluierten PTBS-Behandlungsverfahren weltweit.
Shapiro F (2018). Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) Therapy: Basic Principles, Protocols, and Procedures. Guilford Press, 3. Auflage.
Standardwerk für EMDR-Therapie. Beschreibt das 8-Phasen-Protokoll und das Modell der Adaptiven Informationsverarbeitung (AIP). EMDR ist neben tf-KVT die einzige Methode mit höchstem Empfehlungsgrad in allen internationalen Leitlinien.
Maercker A (Hrsg.) (2019). Traumafolgestörungen. Springer, 5. Auflage.
Deutschsprachiges Referenzwerk für Traumafolgestörungen. Umfassendes Lehrbuch mit Beiträgen zu Diagnostik, Epidemiologie, Neurobiologie und allen evidenzbasierten Therapieverfahren. Standardliteratur in der deutschen Psychotherapie-Ausbildung.
Flatten G, Gast U, Hofmann A, Knaevelsrud C, Lampe A, Liebermann P, Maercker A, Reddemann L, Wöller W (2011). S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung ICD-10: F43.1. Trauma & Gewalt, 5(3), 202-210.
Zusammenfassung der ersten deutschen S3-Leitlinie zur PTBS-Behandlung. Etablierte traumafokussierte Psychotherapie als Goldstandard in der deutschen Versorgung. Grundlage für die aktuelle Leitlinienversion 2019.
Reddemann L (2011). Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) — Das Manual. Klett-Cotta, 8. Auflage.
Meistverbreitetes deutschsprachiges Manual für die Stabilisierungsphase der Traumatherapie. Imaginative Techniken (Sicherer Ort, Innere-Kind-Arbeit, Tresor-Übung) sind fester Bestandteil der klinischen Praxis bei kPTBS.

Meta-Analysen

Cusack K, Jonas DE, Forneris CA, Wines C, Sonis J, Middleton JC et al. (2016). Psychological treatments for adults with posttraumatic stress disorder: A systematic review and meta-analysis. Clinical Psychology Review.
k = 36 Studiend = 1.14-1.59 vs. WartelisteDOI
PE, CPT, CT und EMDR zeigen starke Evidenz für die Behandlung der PTBS bei Erwachsenen. Alle vier Verfahren sind vergleichbar wirksam.
Bisson JI, Roberts NP, Andrew M, Cooper R, Lewis C (2013). Psychological therapies for chronic post-traumatic stress disorder (PTSD) in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews.
k = 70 StudienSMD = -1.62 (tf-KVT vs. Warteliste)DOI
Traumafokussierte KVT und EMDR sind wirksamer als nicht-traumafokussierte Therapien. Effekte sind über Follow-up-Zeiträume von 1-4 Monaten stabil.
Coventry PA, Meader N, Melton H, Temple M, Dale H, Wright K et al. (2020). Psychological and pharmacological interventions for posttraumatic stress disorder and comorbid mental health problems following complex traumatic events. Cochrane Database of Systematic Reviews.
k = 15 StudienSMD = -0.80 vs. KontrollgruppeDOI
Auch bei komplexer Traumatisierung zeigt traumafokussierte Psychotherapie signifikante Effekte. Evidenz für phasenorientiertes Vorgehen bei kPTBS noch begrenzt, aber klinisch empfohlen.
Lee DJ, Schnitzlein CW, Wolf JP, Vythilingam M, Rasmusson AM, Hoge CW (2016). Psychotherapy versus pharmacotherapy for posttraumatic stress disorder: Systematic review and meta-analysis. Journal of Clinical Psychiatry.
k = 51 StudienPsychotherapie d = 1.14, Pharmakotherapie d = 0.42DOI
Psychotherapie (insbesondere tf-KVT und EMDR) ist Pharmakotherapie bei PTBS signifikant überlegen. Unterstreicht die Empfehlung der S3-Leitlinie, Psychotherapie als Erstlinienbehandlung einzusetzen.

Praxisleitfäden

Foa EB, Hembree EA, Rothbaum BO, Rauch SAM (2019). Prolonged Exposure Therapy for PTSD: Emotional Processing of Traumatic Experiences — Therapist Guide. Oxford University Press.
ISBN: 978-0-19-092688-2
Offizielles PE-Therapiemanual, 2. Auflage. Enthält das vollständige Protokoll (9-15 Sitzungen), Arbeitsblätter und Fallbeispiele. Internationaler Goldstandard für Expositionsbehandlung bei PTBS.
Resick PA, Monson CM, Chard KM (2017). Cognitive Processing Therapy for PTSD: A Comprehensive Manual. Guilford Press.
ISBN: 978-1-4625-2864-4
Vollständiges CPT-Manual mit 12-Sitzungen-Protokoll. Alle Arbeitsblätter enthalten. Besonders wirksam bei Schuld-/Scham-Thematik. Varianten: CPT mit und ohne schriftliche Narration.
Maercker A (Hrsg.) (2019). Traumafolgestörungen. Springer.
ISBN: 978-3-662-58469-9
Deutschsprachiges Standardlehrbuch, 5. Auflage. Umfassende Darstellung aller Traumafolgestörungen mit Diagnostik, Epidemiologie, Neurobiologie und Therapieverfahren. Pflichtlektüre für die Approbationsausbildung.
Schauer M, Neuner F, Elbert T (2011). Narrative Expositionstherapie (NET). Hogrefe.
ISBN: 978-3-8017-2422-5
Manual der Narrativen Expositionstherapie. Speziell für Mehrfachtraumatisierung entwickelt (Geflüchtete, Folterüberlebende). Evidenzbasiert, kultursensibel, dolmetschergestützt durchführbar.
Reddemann L (2011). Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) — Das Manual. Klett-Cotta.
ISBN: 978-3-608-89116-5
Meistverbreitetes deutschsprachiges Stabilisierungsmanual. Imaginative Techniken für die Phase 1 der Traumatherapie. Sicherer Ort, Innere-Kind-Arbeit, Tresor-Übung. Standard in der deutschen Ausbildung.