Depression
Depressive Episoden & Rezidivierende depressive Störungen
12-Monatsprävalenz: 8-12%
Überblick
Die depressive Episode ist gekennzeichnet durch eine Kombination aus gedrückter Stimmung, Interessenverlust und Antriebsminderung über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen. Sie zählt zu den häufigsten psychischen Störungen weltweit und ist eine der führenden Ursachen für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland. Depressive Episoden können einmalig (F32) oder rezidivierend (F33) auftreten, wobei das Rückfallrisiko mit jeder Episode steigt. Die Störung betrifft alle Lebensbereiche — Denken, Fühlen, Verhalten und körperliche Funktionen — und erfordert in den meisten Fällen eine professionelle Behandlung.
Prävalenz
Verlauf & Prognose
Einzelne depressive Episoden remittieren in der Mehrzahl der Fälle innerhalb von 3-6 Monaten, wobei eine adäquate Behandlung die Dauer verkürzt und die Remissionsrate erhöht. Etwa 50% der Betroffenen erleben nach einer ersten Episode ein Rezidiv. Mit jeder weiteren Episode steigt das Rückfallrisiko: nach der dritten Episode liegt es bei über 90%. Etwa Etwa 15-20% entwickeln einen chronischen Verlauf (Dysthymie oder chronische Depression). Prädiktoren für einen ungünstigen Verlauf sind: früher Erkrankungsbeginn, schwere Episoden, komorbide Persönlichkeitsstörungen, mangelnde soziale Unterstützung und unvollständige Remission.
Subtypen
Diagnostik
ICD-10-Kriterien
Hauptkriterien
- ●Gedrückte, depressive Stimmung (in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnlichen Ausmaß, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag, weitgehend unbeeinflusst durch äußere Umstände)
- ●Interessenverlust oder Freudlosigkeit an Aktivitäten, die normalerweise angenehm waren
- ●Verminderter Antrieb oder gesteigerte Ermüdbarkeit
Zusatzkriterien
- ○Verlust von Selbstvertrauen oder Selbstwertgefühl
- ○Unbegründete Selbstvorwürfe oder ausgeprägte, unangemessene Schuldgefühle
- ○Wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid; suizidales Verhalten
- ○Verminderte Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit
- ○Psychomotorische Agitiertheit oder Hemmung (subjektiv oder objektiv)
- ○Schlafstörungen jeder Art
- ○Appetitverlust oder gesteigerter Appetit mit entsprechender Gewichtsveränderung
Screening-Instrumente
Differentialdiagnosen
Red Flags
- ⚠Akute Suizidalität — sofortige Risikoabklärung nach C-SSRS oder BSS
- ⚠Psychotische Symptome (Wahn, Halluzinationen) — Indikation für stationäre Behandlung
- ⚠Stupor oder schwere psychomotorische Hemmung — Notfall, ggf. stationär
- ⚠Rapid Cycling (>4 Phasen/Jahr) — Hinweis auf bipolare Störung, Lithium-Indikation prüfen
- ⚠Erstmanifestation >50 Jahre — organische Ursachen aktiv ausschließen (Neoplasie, vaskuläre Depression)
- ⚠Schwere Gewichtsabnahme oder Nahrungsverweigerung — somatische Stabilisierung
- ⚠Komorbider Substanzmissbrauch — erhöht Suizidrisiko deutlich, Entzug vor/parallel zur Depressionsbehandlung
Therapieansätze
Erste Wahl
KVT ist die am besten untersuchte Psychotherapieform bei Depression. Empfohlen als Erstlinientherapie bei leichter, mittelgradiger und schwerer Depression. Wirksamkeit vergleichbar mit Pharmakotherapie, geringere Rückfallraten nach Therapieende.
Quelle: S3-LL Unipolare Depression 2022, Empfehlung 7-1
Psychodynamische Kurzzeittherapie (16-24 Sitzungen) zeigt gute Wirksamkeit bei leichter bis mittelgradiger Depression. Langzeittherapie bei komplexen Verläufen mit komorbider Persönlichkeitspathologie.
Quelle: S3-LL Unipolare Depression 2022, Empfehlung 7-2
Zweite Wahl
Pharmakotherapie
Indikation: Bei mittelgradiger Depression als gleichwertige Alternative zur Psychotherapie. Bei schwerer Depression in Kombination mit Psychotherapie empfohlen (Empfehlungsgrad A). Bei leichter Depression nur in begründeten Ausnahmefällen.
Die Kombination von Psychotherapie und Pharmakotherapie zeigt bei schwerer Depression die höchsten Remissionsraten (Evidenzgrad A). Bei Therapieresistenz sequenzielle Strategien prüfen (Augmentation, Umstellung).
Spezielle Populationen
Interventionen & Übungen
Arbeitsblätter
Empfohlene Arbeitsblätter
Weitere Arbeitsblätter
Tägliches Monitoring der Stimmung, Aktivität und Schlafqualität. Ermöglicht die Erkennung von Zusammenhängen und Veränderungen über die Therapie hinweg.
Individualisierte Sammlung potenziell angenehmer Aktivitäten, geordnet nach Aufwand (gering/mittel/hoch). Grundlage für die Aktivitätsplanung in der Verhaltensaktivierung.
Entspannungsverfahren
Empfohlene Übungen
Spezifische Techniken
Atemfokussierte Achtsamkeit (3-Minuten-Atem-Raum)
Kurze Achtsamkeitsübung aus MBCT, speziell für den Umgang mit depressiven Grübelschleifen. Drei Phasen: Wahrnehmen, Sammeln, Erweitern.
- 1.Minute 1 — Wahrnehmen: Innehalten. Was denke, fühle, spüre ich gerade? Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen benennen.
- 2.Minute 2 — Sammeln: Aufmerksamkeit auf den Atem lenken. Einatmen, Ausatmen. Wenn Gedanken kommen, freundlich zum Atem zurückkehren.
- 3.Minute 3 — Erweitern: Aufmerksamkeit auf den gesamten Körper ausdehnen. Spannungen wahrnehmen, Raum geben, in die Aktivität des Tages zurückkehren.
Evidenz: Segal et al. (2013) — MBCT. Evidenzgrad A für Rückfallprävention bei ≥3 Episoden.
Genusstraining (Sinnesbezogene Aktivierung)
Bewusstes Erleben von Sinneseindrücken als niedrigschwellige Aktivierung bei Anhedonie. Basiert auf dem Prinzip, dass depressive Patienten Genuss verlernt haben und neu lernen können.
- 1.Auswahl einer sensorischen Erfahrung (Duft, Geschmack, Textur, Klang, Optik)
- 2.5 Minuten bewusst und ohne Ablenkung erleben
- 3.Aufmerksamkeit auf Details lenken: Was genau schmecke/rieche/höre/sehe ich?
- 4.Innere Bewertungen wahrnehmen, aber nicht folgen — zurück zum Sinneseindruck
- 5.Nachspüren: Wie fühle ich mich nach der Übung? Stimmung 0-10 protokollieren
Evidenz: Lutz (2010) — Genusstherapie. Evidenzgrad B.
Muster & Fallstricke
Typische Muster
Sozialer Rückzug → Verstärkerverlust → Verschlechterung
Patient zieht sich aus sozialen Kontakten und Aktivitäten zurück, was kurzfristig Erleichterung bringt (Vermeidung von Anstrengung), aber langfristig zu Verstärkerverlust und Verschlechterung der Symptomatik führt.
Grübelschleifen (Rumination)
Repetitives, passives Nachdenken über Ursachen und Konsequenzen der eigenen Symptome ohne Handlungsanbahnung. Unterschied zu produktivem Nachdenken: Grübeln kreist, Problemlösen schreitet voran.
Hilf- und Hoffnungslosigkeit
Feste Überzeugung, dass sich nichts ändern wird und man selbst nichts tun kann. Ist sowohl Symptom als auch aufrechterhaltender Faktor — verhindert Therapiecompliance und Aktivierungsversuche.
Funktionale Depression (High Functioning)
Patient funktioniert äußerlich weiter (Arbeit, Haushalt, Soziales), aber innerlich komplett erschöpft. Symptome werden von Umfeld und teils vom Patienten selbst nicht ernst genommen.
Perfektionismus als Vulnerabilitätsfaktor
Überhöhte Leistungsstandards und Angst vor Fehlern prädisponieren für Depression. Jeder normale Misserfolg wird als katastrophal erlebt, Erfolge werden entwertet ('Das kann jeder').