F32
Affektive Störungen

Depression

Depressive Episoden & Rezidivierende depressive Störungen

12-Monatsprävalenz: 8-12%

2-3 Seiten Zusammenfassung

Überblick

Die depressive Episode ist gekennzeichnet durch eine Kombination aus gedrückter Stimmung, Interessenverlust und Antriebsminderung über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen. Sie zählt zu den häufigsten psychischen Störungen weltweit und ist eine der führenden Ursachen für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland. Depressive Episoden können einmalig (F32) oder rezidivierend (F33) auftreten, wobei das Rückfallrisiko mit jeder Episode steigt. Die Störung betrifft alle Lebensbereiche — Denken, Fühlen, Verhalten und körperliche Funktionen — und erfordert in den meisten Fällen eine professionelle Behandlung.

ICD-10
F32 / F33
Häufigkeit
8-12% pro Jahr
Therapiedauer
6-12 Monate
Rückfallrisiko
50% nach 1. Episode
Chronifizierung
15-20% chronisch
Suizidrisiko
2-6% Lebenszeitsuizidrate

Prävalenz

Gesamt: 12-Monatsprävalenz: 8,1% (Frauen 10,6%, Männer 5,5%). Lebenszeitprävalenz: 16-20%.
Geschlecht: Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer (2:1). Gründe: hormonelle Faktoren, geschlechtsspezifische Sozialisation, höhere Bereitschaft zur Symptomberichterstattung.
Alter: Erstmanifestation häufig zwischen 25-35 Jahren. Zweiter Häufigkeitsgipfel im höheren Lebensalter (>65). Bei Jugendlichen steigende Prävalenz.
Trend: Zunehmende Diagnosestellungen in den letzten 20 Jahren, bedingt durch bessere Erkennung, geringere Stigmatisierung und veränderte gesellschaftliche Belastungsfaktoren.

Verlauf & Prognose

Einzelne depressive Episoden remittieren in der Mehrzahl der Fälle innerhalb von 3-6 Monaten, wobei eine adäquate Behandlung die Dauer verkürzt und die Remissionsrate erhöht. Etwa 50% der Betroffenen erleben nach einer ersten Episode ein Rezidiv. Mit jeder weiteren Episode steigt das Rückfallrisiko: nach der dritten Episode liegt es bei über 90%. Etwa Etwa 15-20% entwickeln einen chronischen Verlauf (Dysthymie oder chronische Depression). Prädiktoren für einen ungünstigen Verlauf sind: früher Erkrankungsbeginn, schwere Episoden, komorbide Persönlichkeitsstörungen, mangelnde soziale Unterstützung und unvollständige Remission.

Subtypen

F32.0
Leichte depressive Episode
2 Haupt- + 2 Zusatzkriterien. Patient kann alltägliche Aktivitäten unter Schwierigkeiten fortsetzen.
F32.1
Mittelgradige depressive Episode
2 Haupt- + 3-4 Zusatzkriterien. Erhebliche Schwierigkeiten, alltägliche Aktivitäten fortzusetzen.
F32.2
Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome
3 Haupt- + ≥4 Zusatzkriterien. Fortsetzung sozialer/beruflicher Aktivitäten stark eingeschränkt.
F32.3
Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen
Wie F32.2, zusätzlich Halluzinationen, Wahnideen, psychomotorische Hemmung oder Stupor.
F33
Rezidivierende depressive Störung
Wiederholte depressive Episoden ohne anamnestische Hinweise auf manische Episoden.

Komorbiditäten

F41.1Generalisierte AngststörungHäufig
F40.1Soziale PhobieHäufig
F41.0PanikstörungHäufig
F10AlkoholabhängigkeitHäufig
F45Somatoforme StörungenGelegentlich
F60.3Emotional instabile PS (Borderline)Gelegentlich
F50EssstörungenGelegentlich
F51.0Nichtorganische InsomnieHäufig
F90ADHSGelegentlich

Diagnostik

ICD-10-Kriterien

Hauptkriterien

  • Gedrückte, depressive Stimmung (in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnlichen Ausmaß, die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag, weitgehend unbeeinflusst durch äußere Umstände)
  • Interessenverlust oder Freudlosigkeit an Aktivitäten, die normalerweise angenehm waren
  • Verminderter Antrieb oder gesteigerte Ermüdbarkeit

Zusatzkriterien

  • Verlust von Selbstvertrauen oder Selbstwertgefühl
  • Unbegründete Selbstvorwürfe oder ausgeprägte, unangemessene Schuldgefühle
  • Wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid; suizidales Verhalten
  • Verminderte Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit
  • Psychomotorische Agitiertheit oder Hemmung (subjektiv oder objektiv)
  • Schlafstörungen jeder Art
  • Appetitverlust oder gesteigerter Appetit mit entsprechender Gewichtsveränderung
Erforderlich
Mindestens 2 Hauptkriterien + 2 Zusatzkriterien für leichte Episode; 2 Haupt + 3-4 Zusatz für mittelgradig; alle 3 Haupt + ≥4 Zusatz für schwer
Dauer
Mindestens 2 Wochen, bei besonders schwerem und schnellem Beginn auch kürzer

Schweregrade

F32.0Leicht2 Hauptkriterien + 2 Zusatzkriterien
F32.1Mittelgradig2 Hauptkriterien + 3-4 Zusatzkriterien
F32.2Schwer3 Hauptkriterien + ≥4 Zusatzkriterien
F32.3Schwer mit psychotischen SymptomenWie F32.2 + Halluzinationen, Wahn oder Stupor

Screening-Instrumente

PHQ-9Patient Health QuestionnaireFrei verfügbar
9 Items
Cut-off: ≥ 10 (moderate Depression)
Sens.: 88%
Spez.: 88%
Zum Instrument →
BDI-IIBeck-Depressions-Inventar Revision
21 Items
Cut-off: ≥ 14 (leichte Depression)
Sens.: 84%
Spez.: 81%
WHO-5WHO-5 Well-Being IndexFrei verfügbar
5 Items
Cut-off: ≤ 50 (niedrige Lebensqualität)
Sens.: 86%
Spez.: 81%
Zum Instrument →
PHQ-2Gesundheitsfragebogen für Patienten (2-Item-Screener)Frei verfügbar
2 Items
Cut-off: ≥ 3
Sens.: 83%
Spez.: 92%
Zum Instrument →

Differentialdiagnosen

F31
Bipolare affektive StörungAnamnestische manische/hypomanische Episoden. Immer aktiv ausschließen! Gezielte Frage nach Phasen mit gehobener Stimmung, vermindertem Schlafbedürfnis, gesteigertem Antrieb.
F34.1
DysthymieChronische depressive Verstimmung über ≥2 Jahre, aber Kriterien für depressive Episode nicht voll erfüllt. Geringere Symptomschwere, dafür Dauer.
F43.2
AnpassungsstörungDepressive Symptome im zeitlichen Zusammenhang mit identifizierbarem Belastungsereignis. Klingt nach Wegfall des Stressors ab.
F06.3
Organische affektive StörungDepression als Folge einer körperlichen Erkrankung (z.B. Hypothyreose, M. Cushing, ZNS-Erkrankungen). Somatische Abklärung obligat.
F10.5
Substanzinduzierte affektive StörungZeitlicher Zusammenhang mit Substanzkonsum/-entzug. Typisch bei Alkohol, Benzodiazepinen, Steroiden.
F41.2
Angst und depressive Störung, gemischtGleichzeitig Angst- und depressive Symptome, aber keines dominiert. Weder F32 noch F41 voll erfüllt.

Red Flags

  • Akute Suizidalität — sofortige Risikoabklärung nach C-SSRS oder BSS
  • Psychotische Symptome (Wahn, Halluzinationen) — Indikation für stationäre Behandlung
  • Stupor oder schwere psychomotorische Hemmung — Notfall, ggf. stationär
  • Rapid Cycling (>4 Phasen/Jahr) — Hinweis auf bipolare Störung, Lithium-Indikation prüfen
  • Erstmanifestation >50 Jahre — organische Ursachen aktiv ausschließen (Neoplasie, vaskuläre Depression)
  • Schwere Gewichtsabnahme oder Nahrungsverweigerung — somatische Stabilisierung
  • Komorbider Substanzmissbrauch — erhöht Suizidrisiko deutlich, Entzug vor/parallel zur Depressionsbehandlung

Therapieansätze

Erste Wahl

KVTEvidenz Ad = 0.82 (groß)

KVT ist die am besten untersuchte Psychotherapieform bei Depression. Empfohlen als Erstlinientherapie bei leichter, mittelgradiger und schwerer Depression. Wirksamkeit vergleichbar mit Pharmakotherapie, geringere Rückfallraten nach Therapieende.

Quelle: S3-LL Unipolare Depression 2022, Empfehlung 7-1

TPEvidenz Ad = 0.69 (mittel-groß)

Psychodynamische Kurzzeittherapie (16-24 Sitzungen) zeigt gute Wirksamkeit bei leichter bis mittelgradiger Depression. Langzeittherapie bei komplexen Verläufen mit komorbider Persönlichkeitspathologie.

Quelle: S3-LL Unipolare Depression 2022, Empfehlung 7-2

Zweite Wahl

Evidenz B
ACTBei Patienten mit hoher Erlebnisvermeidung, chronischer Depression oder komorbiden Schmerzstörungen. Besonders wenn KVT-Techniken als zu konfrontativ erlebt werden.
Evidenz B
SCHEMABei chronischer Depression mit frühen maladaptiven Schemata, insbesondere bei komorbider Persönlichkeitspathologie.
Evidenz B
SYSTEMICBei Depression im Kontext von Beziehungskonflikten, familiärer Belastung oder systemischen Verstrickungen.

Pharmakotherapie

Indikation: Bei mittelgradiger Depression als gleichwertige Alternative zur Psychotherapie. Bei schwerer Depression in Kombination mit Psychotherapie empfohlen (Empfehlungsgrad A). Bei leichter Depression nur in begründeten Ausnahmefällen.

Mittel der Wahl: SSRI (z.B. Sertralin, Escitalopram), SNRI (z.B. Venlafaxin, Duloxetin), Mirtazapin (bei Schlafstörungen/Appetitmangel), Bupropion (bei Antriebsmangel, sexueller Dysfunktion unter SSRI)

Die Kombination von Psychotherapie und Pharmakotherapie zeigt bei schwerer Depression die höchsten Remissionsraten (Evidenzgrad A). Bei Therapieresistenz sequenzielle Strategien prüfen (Augmentation, Umstellung).

Spezielle Populationen

Ältere Erwachsene (>65): Verstärkt somatische Symptompräsentation beachten. Medikamenteninteraktionen prüfen. Aktivierende Verfahren besonders wirksam. Cave: anticholinerge Nebenwirkungen.
Peripartale Depression: Screening im 1. und 3. Trimester + postpartum mit EPDS. Psychotherapie bevorzugt (Stillen). Bei Pharmakotherapie: Sertralin als First-Line (geringe Konzentration in Muttermilch).
Komorbide somatische Erkrankungen: Depression verschlechtert Prognose bei KHK, Diabetes, Schlaganfall. Integrierte Behandlung empfohlen. Bei Medikation: Interaktionen beachten (z.B. SSRI + Thrombozytenaggregation).

Interventionen & Übungen

Arbeitsblätter

Empfohlene Arbeitsblätter

Wochenprotokoll angenehmer Aktivitäten
Basis für die Verhaltensaktivierung. Macht den Zusammenhang zwischen Aktivität und Stimmung sichtbar.
Phase: Anfangsphase — Verhaltensaktivierung
Gedankenprotokoll (5-Spalten-Technik)
Zentrales Werkzeug der KVT bei Depression: automatische Gedanken identifizieren, prüfen und durch realistischere Alternativen ersetzen.
Phase: Arbeitsphase — Kognitive Umstrukturierung
Teufelskreis-Modell (Kognitiv-Behavioural)
Visualisiert den Depressionsteufelskreis (Rückzug → Verstärkerverlust → Verschlechterung) und motiviert zur Aktivierung.
Phase: Anfangsphase — Psychoedukation
Schlafhygiene-Protokoll
80% der depressiven Patienten haben Schlafstörungen. Strukturierte Dokumentation ermöglicht gezielte Schlafinterventionen.
Phase: Arbeitsphase — Schlafmanagement
Problemlöse-Arbeitsblatt (5 Schritte)
Durchbricht die Problemlösehemmung bei Depression durch strukturiertes, schrittweises Vorgehen.
Phase: Arbeitsphase — Problemlösetraining
Genusstraining Protokoll
Gezielter Aufbau positiver Erfahrungen. Besonders bei Anhedonie (Freudlosigkeit) als zentralem Symptom.
Phase: Arbeitsphase — Verhaltensaktivierung
Dankbarkeitstagebuch
Trainiert selektive Aufmerksamkeit für positive Aspekte. Wirkt dem negativen Aufmerksamkeitsbias bei Depression entgegen.
Phase: Arbeitsphase — Positive Psychologie
Persönlicher Notfallplan bei Krisen
Individueller Krisenplan bei Suizidalität oder schwerer Verschlechterung. Sollte frühzeitig erstellt und regelmäßig aktualisiert werden.
Phase: Gesamte Therapie — Sicherheitsplanung
Rückfallpräventionsplan
Identifikation von Frühwarnzeichen und Erstellung eines Handlungsplans. Senkt Rückfallrisiko nachweislich.
Phase: Abschlussphase — Rückfallprävention
Werte-Kompass (ACT)
Hilft depressiven Patienten, die den Sinn verloren haben, ihre Werte wiederzuentdecken und werteorientiertes Handeln zu planen.
Phase: Arbeitsphase — Wertearbeit

Weitere Arbeitsblätter

Stimmungsprotokoll (Depression)Evidenz A

Tägliches Monitoring der Stimmung, Aktivität und Schlafqualität. Ermöglicht die Erkennung von Zusammenhängen und Veränderungen über die Therapie hinweg.

Spalten: Datum • Stimmung (0-10) • Schlaf (h) • Aktivität • Besonderes
Liste Angenehmer AktivitätenEvidenz A

Individualisierte Sammlung potenziell angenehmer Aktivitäten, geordnet nach Aufwand (gering/mittel/hoch). Grundlage für die Aktivitätsplanung in der Verhaltensaktivierung.

Spalten: Aktivität • Aufwand (gering/mittel/hoch) • Letzte Durchführung • Stimmung danach (0-10)

Entspannungsverfahren

Spezifische Techniken

Atemfokussierte Achtsamkeit (3-Minuten-Atem-Raum)

Kurze Achtsamkeitsübung aus MBCT, speziell für den Umgang mit depressiven Grübelschleifen. Drei Phasen: Wahrnehmen, Sammeln, Erweitern.

  1. 1.Minute 1 — Wahrnehmen: Innehalten. Was denke, fühle, spüre ich gerade? Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen benennen.
  2. 2.Minute 2 — Sammeln: Aufmerksamkeit auf den Atem lenken. Einatmen, Ausatmen. Wenn Gedanken kommen, freundlich zum Atem zurückkehren.
  3. 3.Minute 3 — Erweitern: Aufmerksamkeit auf den gesamten Körper ausdehnen. Spannungen wahrnehmen, Raum geben, in die Aktivität des Tages zurückkehren.

Evidenz: Segal et al. (2013) — MBCT. Evidenzgrad A für Rückfallprävention bei ≥3 Episoden.

Genusstraining (Sinnesbezogene Aktivierung)

Bewusstes Erleben von Sinneseindrücken als niedrigschwellige Aktivierung bei Anhedonie. Basiert auf dem Prinzip, dass depressive Patienten Genuss verlernt haben und neu lernen können.

  1. 1.Auswahl einer sensorischen Erfahrung (Duft, Geschmack, Textur, Klang, Optik)
  2. 2.5 Minuten bewusst und ohne Ablenkung erleben
  3. 3.Aufmerksamkeit auf Details lenken: Was genau schmecke/rieche/höre/sehe ich?
  4. 4.Innere Bewertungen wahrnehmen, aber nicht folgen — zurück zum Sinneseindruck
  5. 5.Nachspüren: Wie fühle ich mich nach der Übung? Stimmung 0-10 protokollieren

Evidenz: Lutz (2010) — Genusstherapie. Evidenzgrad B.

Muster & Fallstricke

Typische Muster

Sozialer Rückzug → Verstärkerverlust → Verschlechterung

Patient zieht sich aus sozialen Kontakten und Aktivitäten zurück, was kurzfristig Erleichterung bringt (Vermeidung von Anstrengung), aber langfristig zu Verstärkerverlust und Verschlechterung der Symptomatik führt.

Beispiel: Patient sagt Treffen mit Freunden ab ('Ich bin eh keine gute Gesellschaft'), verbringt den Abend allein, grübelt, fühlt sich noch isolierter und bestätigt sein Bild 'Niemand vermisst mich'.
Intervention: Verhaltensaktivierung: Kleine, planbare soziale Kontakte als Hausaufgabe. Kognitive Umstrukturierung: 'Niemand vermisst mich' als Gedanken hinterfragen, nicht als Fakt akzeptieren.

Grübelschleifen (Rumination)

Repetitives, passives Nachdenken über Ursachen und Konsequenzen der eigenen Symptome ohne Handlungsanbahnung. Unterschied zu produktivem Nachdenken: Grübeln kreist, Problemlösen schreitet voran.

Beispiel: Patient liegt nachts wach und denkt: 'Warum bin ich so? Was habe ich falsch gemacht? Werde ich je wieder normal sein?' — Dieselben Fragen, keine neuen Antworten.
Intervention: Grübelunterbrechung: STOPP-Technik, Aufmerksamkeitslenkung, Worry Time. Langfristig: MBCT (Gedanken als Gedanken erkennen). Aktivitätsplanung für grübelanfällige Zeiten.

Hilf- und Hoffnungslosigkeit

Feste Überzeugung, dass sich nichts ändern wird und man selbst nichts tun kann. Ist sowohl Symptom als auch aufrechterhaltender Faktor — verhindert Therapiecompliance und Aktivierungsversuche.

Beispiel: Patient sagt: 'Therapie bringt bei mir sowieso nichts, ich habe schon alles versucht.' — Dabei hat er nur eine kurze Medikamentenbehandlung ohne Psychotherapie gehabt.
Intervention: Nicht argumentieren, sondern validieren und gleichzeitig Ambiguität einführen: 'Es klingt so, als hätten Sie viel ausprobiert. Mir fällt auf, dass Sie noch keine strukturierte KVT hatten — darf ich Ihnen erzählen, was die Forschung dazu zeigt?'

Funktionale Depression (High Functioning)

Patient funktioniert äußerlich weiter (Arbeit, Haushalt, Soziales), aber innerlich komplett erschöpft. Symptome werden von Umfeld und teils vom Patienten selbst nicht ernst genommen.

Beispiel: Patientin sagt: 'Ich arbeite jeden Tag, kümmere mich um die Kinder — so richtig depressiv kann ich nicht sein.' Gleichzeitig weint sie jeden Abend und hat seit Monaten an nichts mehr Freude.
Intervention: Psychoedukation: Depression ≠ Arbeitsunfähigkeit. Validierung der inneren Erschöpfung. Aufzeigen der Diskrepanz zwischen Funktion und Erleben als diagnostisches Kriterium.

Perfektionismus als Vulnerabilitätsfaktor

Überhöhte Leistungsstandards und Angst vor Fehlern prädisponieren für Depression. Jeder normale Misserfolg wird als katastrophal erlebt, Erfolge werden entwertet ('Das kann jeder').

Beispiel: Patient erhält eine gute Leistungsbewertung, fixiert sich aber auf den einen kritischen Punkt: 'Siehst du, ich mache immer Fehler. Die anderen denken bestimmt, ich bin inkompetent.'
Intervention: Kognitive Umstrukturierung: Alles-oder-Nichts-Denken identifizieren. Verhaltensexperimente: Bewusst 'gut genug' statt perfekt arbeiten und Reaktion beobachten.

Therapeutische Fallstricke

Zu früh kognitive Arbeit beginnen
Folge: Patient kann bei schwerer Antriebshemmung nicht reflektieren und erlebt weiteres Versagensgefühl
Erst Verhaltensaktivierung (Energie aufbauen), dann kognitive Umstrukturierung. Bei PHQ-9 >20 erst Stabilisierung.
Mitleid statt Empathie
Folge: Verstärkt Hilflosigkeit und passive Patientenrolle. Therapeut wird zum Retter, Patient bleibt hilflos.
Empathische Validation + Fokus auf Selbstwirksamkeit: 'Das klingt wirklich belastend. Was hat Ihnen in ähnlichen Situationen schon mal geholfen?'
Suizidalität nicht aktiv erfragen
Folge: Suizidale Gedanken werden übersehen. Häufiger Irrglaube: 'Wenn ich frage, bringe ich den Patienten auf die Idee.'
In jeder Sitzung aktiv nach Suizidalität fragen. Evidenz zeigt: Fragen erhöht Suizidrisiko NICHT, sondern ermöglicht Schutzmaßnahmen.
Therapie zu schnell beenden nach Symptombesserung
Folge: Rückfallrisiko 50% innerhalb von 6 Monaten bei vorzeitigem Abbruch
Erhaltungstherapie über 6-9 Monate nach Remission. Rückfallpräventionsphase explizit planen.
Hausaufgaben-Non-Compliance ignorieren
Folge: Therapiefortschritt stagniert. Patient erlebt mangelnden Fortschritt als Bestätigung der Hoffnungslosigkeit.
Non-Compliance als therapeutisches Thema bearbeiten (nicht bewerten). Häufig: Aufgabe war zu groß, Angst vor Versagen, oder die Aufgabe passt nicht zum Patienten.

Gegenübertragung

Antriebslosigkeit und Erschöpfung des Therapeuten nach Sitzungen: Emotionale Ansteckung ist bei Depression häufig. Supervision nutzen, eigene Energieressourcen im Blick behalten. Sitzungsanzahl mit depressiven Patienten pro Tag begrenzen.
Ungeduld mit der langsamen Veränderung: Depression braucht Zeit. Kleine Fortschritte aktiv wahrnehmen und dem Patienten spiegeln. Eigene Leistungsansprüche an Therapieerfolg reflektieren.
Retterwunsch — alles für den Patienten lösen wollen: Verstärkt die Hilflosigkeit des Patienten. Selbstwirksamkeit fördern statt Abhängigkeit. Sokratisches Fragen statt Ratschläge.

Leitlinien

S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression

Version 2022 • AWMF NVL-005
Zur Leitlinie →

Kernempfehlungen

B
Bei leichter Depression soll zunächst eine aktiv-abwartende Begleitung (Watchful Waiting) über 14 Tage erwogen werden, bevor eine spezifische Therapie eingeleitet wird.
Spontanremissionsrate bei leichter Depression ca. 50% innerhalb von 3 Monaten
A
Bei mittelgradiger Depression soll eine Psychotherapie oder Pharmakotherapie angeboten werden.
Beide Verfahren zeigen vergleichbare Wirksamkeit (Cuijpers et al., 2020)
A
Bei schwerer Depression soll eine Kombinationsbehandlung aus Pharmakotherapie und Psychotherapie angeboten werden.
Kombination zeigt signifikant höhere Remissionsraten als Monotherapie (NNT = 7)
A
Kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Systemische Therapie sollen bei depressiven Störungen angeboten werden.
Alle drei Richtlinienverfahren zeigen Wirksamkeit in RCTs
A
Zur Rückfallprophylaxe soll nach Remission eine psychotherapeutische Erhaltungstherapie über mindestens 6-9 Monate angeboten werden.
Rückfallrisiko sinkt um 40-50% bei Erhaltungstherapie
KKP
Bei Suizidalität soll eine engmaschige Betreuung mit Krisenplan etabliert werden. Ab mittlerem Risiko stationäre Behandlung erwägen.
Klinischer Konsens — ethisch keine RCTs möglich

Weitere Leitlinien & Empfehlungen

NICE Guideline: Depression in Adults
National Institute for Health and Care Excellence (UK), 2022Internationale Vergleichsleitlinie, empfiehlt stufenweise Versorgung (Stepped Care)
Link →
APA Practice Guideline: Major Depressive Disorder
American Psychiatric Association, 2023US-Leitlinie mit Fokus auf measurement-based care und Pharmakotherapie
Link →
DGPPN S3-Leitlinie Suizidalität
DGPPN, 2019Ergänzende Leitlinie für die Risikoabklärung und -management bei depressiven Patienten mit Suizidalität

Literatur

Grundlagenwerke

Beck AT, Rush AJ, Shaw BF, Emery G (1979). Cognitive Therapy of Depression. Guilford Press.
Grundlagenwerk der Kognitiven Therapie bei Depression. Beschreibt die kognitive Triade (negatives Selbstbild, negative Weltbewertung, negative Zukunftserwartung) und daraus abgeleitete Interventionen.
Hautzinger M (2013). Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen. Beltz Verlag, 7. Auflage.
Deutschsprachiges Standardwerk für die KVT bei Depression. Therapiemanual mit evidenzbasierten Modulen, in der Ausbildung weit verbreitet.
McCullough JP (2000). Treatment for Chronic Depression: Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP). Guilford Press.
Spezifisches Therapiemanual für chronische Depression. CBASP ist das einzige für chronische Depression entwickelte psychotherapeutische Verfahren.

Meta-Analysen

Cuijpers P, Quero S, Noma H, Ciharova M et al. (2024). Psychotherapies for depression: a network meta-analysis covering efficacy, acceptability and long-term outcomes. World Psychiatry.
k = 385 Studieng = 0.56 vs. KontrollgruppeDOI
Alle evidenzbasierten Psychotherapien zeigen ähnliche Wirksamkeit. KVT, IPT, Verhaltensaktivierung und psychodynamische Therapie sind vergleichbar wirksam.
Cipriani A, Furukawa TA, Salanti G et al. (2018). Comparative efficacy and acceptability of 21 antidepressant drugs for the acute treatment of adults with major depressive disorder. The Lancet.
k = 522 StudienOR 1.15-2.13 vs. PlaceboDOI
Alle untersuchten Antidepressiva wirksamer als Placebo. Agomelatin, Amitriptylin, Escitalopram, Mirtazapin, Paroxetin und Venlafaxin zeigten die höchste Wirksamkeit.
Cuijpers P, Noma H, Karyotaki E, Vinkers CH et al. (2020). A network meta-analysis of the effects of psychotherapies, pharmacotherapies and their combination in the treatment of adult depression. World Psychiatry.
k = 101 Studieng = 0.30 Kombi vs. MonotherapieDOI
Kombination von Psychotherapie und Pharmakotherapie ist bei schwerer Depression signifikant wirksamer als Monotherapie.

Praxisleitfäden

Hautzinger M (2013). Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen. Beltz.
ISBN: 978-3-621-28075-4
Evidenzbasiertes Therapiemanual, 7. Auflage. Module: Psychoedukation, Verhaltensaktivierung, kognitive Umstrukturierung, Rückfallprävention.
Schramm E (2019). Interpersonelle Psychotherapie der Depression. Schattauer.
ISBN: 978-3-608-40044-8
Deutschsprachiges IPT-Manual. Fokus auf interpersonelle Problembereiche: Trauer, Rollenwechsel, interpersonelle Konflikte, Defizite.
Brakemeier EL, Normann C (2012). CBASP — Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy. Beltz.
ISBN: 978-3-621-27865-2
Deutschsprachiges CBASP-Manual für chronische Depression. Evidenzbasiert, stationär und ambulant einsetzbar.
Martell CR, Dimidjian S, Herman-Dunn R (2022). Behavioral Activation for Depression. Guilford Press.
ISBN: 978-1-4625-4889-5
Umfassendes Manual für Verhaltensaktivierung. Wirksam als eigenständige Behandlung, nicht nur als KVT-Modul.