Essstörungen
Anorexia nervosa, Bulimia nervosa & Binge-Eating-Störung
12-Monatsprävalenz: 1-4%
Überblick
Essstoerungen sind schwerwiegende psychische Erkrankungen, die durch anhaltendes gestoertes Essverhalten und eine übermaeßige Beschaeftigung mit Körpergewicht und -form gekennzeichnet sind. Sie umfassen Anorexia nervosa (AN), Bulimia nervosa (BN) und die Binge-Eating-Störung (BES). Anorexia nervosa weist die höchste Mortalitaetsrate aller psychiatrischen Erkrankungen auf (5-10% innerhalb von 10 Jahren). Essstoerungen betreffen überwiegend Frauen und Maedchen, wobei die Prävalenz bei Männern häufig unterschaetzt wird. Die Störungen greifen tief in körperliche Gesundheit, Selbstbild, soziale Beziehungen und Leistungsfähigkeit ein. Frühzeitige Erkennung und evidenzbasierte Behandlung sind prognostisch entscheidend.
Prävalenz
Verlauf & Prognose
Der Verlauf von Essstoerungen ist heterogen und stoerungsspezifisch. Bei Anorexia nervosa remittieren etwa 40-50% vollständig, 30% zeigen eine Besserung mit Restsymptomatik und 20% chronifizieren. Die Mortalitaet liegt bei 5-10% innerhalb von 10 Jahren — durch somatische Komplikationen (Herzrhythmusstoerungen, Elektrolytstoerugen) und Suizid. Bulimia nervosa zeigt eine guenstigere Prognose: 55-70% erreichen Remission, wobei Rückfälle häufig sind. Binge-Eating-Störung spricht gut auf Behandlung an, ist aber mit persistierender Adipositas und metabolischen Folgen assoziiert. Prognostisch unguenstig sind: früher Erkrankungsbeginn bei AN, lange Erkrankungsdauer, ausgeprägtes purging-Verhalten, komorbide Persoenlichkeitsstoerungen und mangelnde Behandlungsmotivation. Früherkennung und frühzeitige Behandlung verbessern die Prognose signifikant.
Subtypen
Komorbiditäten
Diagnostik
ICD-10-Kriterien
Hauptkriterien
- ●Gestoertes Essverhalten (Restriktion, Essanfälle, kompensatorische Maßnahmen)
- ●Übermaeßige Beschaeftigung mit Körpergewicht und/oder Körperform
- ●Körperschemastörung (verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers, insbesondere bei AN)
Zusatzkriterien
- ○AN: BMI ≤ 17,5 kg/m² (Erwachsene) bzw. BMI < 5. Altersperzentile (Kinder/Jugendliche)
- ○AN: Selbst herbeigeführter Gewichtsverlust (Fasten, exzessiver Sport, Erbrechen, Laxantien)
- ○AN: Endokrine Störung (Amenorrhoe bei Frauen, Libido-/Potenzverlust bei Männern)
- ○BN: Essanfälle ≥ 1x/Woche über mindestens 3 Monate mit Kontrollverlust
- ○BN: Kompensatorische Maßnahmen (selbstinduziertes Erbrechen, Laxantien, Fasten, exzessiver Sport)
- ○BN: Andauernde übertriebene Beschaeftigung mit Körpergewicht und Figur
- ○BES: Essanfälle ≥ 1x/Woche über mindestens 3 Monate OHNE regelmaeßige Kompensation
- ○BES: Deutliches Leiden im Zusammenhang mit den Essanfällen (Scham, Ekel, Schuldgefühle)
Schweregrade
Screening-Instrumente
Differentialdiagnosen
Red Flags
- ⚠BMI < 15 kg/m² — vital bedrohlich, somatische Stabilisierung und stationäre Aufnahme prüfen
- ⚠Elektrolytstoerungen (Kalium < 3,0 mmol/l) — Herzrhythmusstoerungen, akute Lebensgefahr
- ⚠Synkopen, Bradykardie (< 50/min), Hypothermie — kardiale Komplikationen bei AN
- ⚠Häufiges Erbrechen (mehrmals täglich) — Oesophagusruptur (Boerhaave-Syndrom), Aspiration
- ⚠Akute Suizidalität — erhöhtes Risiko bei Essstoerungen, aktiv explorieren
- ⚠Laxantienabusus > 10 Tabletten/Tag — schwere Elektrolytstoerugen, Darmtraegheit
- ⚠Rapid Bone Loss / pathologische Frakturen bei AN — Osteoporose-Screening (DEXA)
- ⚠Schwangerschaft bei aktiver Essstoerung — hohes Risiko für Mutter und Kind, interdisziplinäre Betreuung
Therapieansätze
Erste Wahl
KVT-E (Enhanced Cognitive Behaviour Therapy nach Fairburn) ist die am besten evaluierte Psychotherapie bei Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung. 20 Sitzungen über 20 Wochen (focused) oder 40 Sitzungen (broad bei komplexer Komorbidiataet). Vier Phasen: Formulation, Real-Time Self-Monitoring, Addressing Maintaining Mechanisms, Relapse Prevention. Bei AN ist KVT-E ebenfalls wirksam, aber die Evidenzlage weniger robust als bei BN/BES.
Quelle: S3-LL Essstoerungen 2020 (AWMF 051-026), Empfehlung 4.1/5.1
Zweite Wahl
Pharmakotherapie
Indikation: Bei BN: Fluoxetin 60 mg/Tag als Adjuvans zur Psychotherapie (Empfehlungsgrad A). Reduziert Essanfalls- und Purging-Frequenz. Bei BES: SSRI oder Lisdexamfetamin (zugelassen in USA, off-label in DE). Bei AN: Keine Medikation als Primärtherapie wirksam. Olanzapin (niedrigdosiert 2,5-5 mg) kann bei extremer Angst vor Gewichtszunahme und komorbider Agitiertheit erwoegen werden. Medikation ersetzt NIEMALS Ernährungsrehabilitation.
Psychotherapie ist bei allen Essstoerungen die Behandlung der Wahl. Pharmakotherapie ist adjuvant, nicht primär. Bei BN zeigt die Kombination KVT-E + Fluoxetin höhere Remissionsraten als Monotherapie. CAVE: Bupropion bei aktiven Essstoerungen kontraindiziert (erhöhtes Krampfrisiko durch Elektrolytstoerugen). Trizyklika wegen kardialer Risiken bei untergewichtigen Patienten vermeiden.
Spezielle Populationen
Interventionen & Übungen
Arbeitsblätter
Empfohlene Arbeitsblätter
Weitere Arbeitsblätter
Echtzeit-Selbstmonitoring des Essverhaltens als Kernintervention der KVT-E. Dokumentiert Mahlzeiten, Essanfälle, Kompensationsverhalten und damit verbundene Gedanken und Gefühle. Dient als diagnostisches Instrument, Veraenderungstool und Sitzungsgrundlage.
Taeliche Dokumentation von körperbezogenen Gedanken, Body-Checking-Verhalten und Körpergefühlen. Macht Muster sichtbar: Wann ist die Körperunzufriedenheit am staerksten? Welche Trigger gibt es? Ermöglicht gezielte kognitive Umstrukturierung.
Entspannungsverfahren
Empfohlene Übungen
Spezifische Techniken
Achtsames Essen (Mindful Eating)
Bewusste, nicht-wertende Wahrnehmung des Essvorgangs mit allen Sinnen. Durchbricht automatisierte Essmuster (hastiges Essen bei BN/BES, ritualisiertos Essen bei AN). Foerdert interozeptive Wahrnehmung von Hunger und Saettigung, die bei Essstoerungen gestoert ist.
- 1.Rosinen-Übung als Einführung: Eine einzelne Rosine mit allen Sinnen wahrnehmen (Aussehen, Geruch, Textur, Geschmack)
- 2.Vor dem Essen: 3 tiefe Atemzuege. Hungergefuehl auf einer Skala 0-10 einschaetzen
- 3.Langsam essen: Besteck zwischen den Bissen ablegen. Kauen, Geschmack und Textur wahrnehmen
- 4.Mittendrin: Saettigungsgefuehl prüfen (0-10). 'Habe ich noch Hunger oder esse ich aus Gewohnheit/Emotion?'
- 5.Nach dem Essen: Körpergefühl wahrnehmen ohne zu bewerten. Gefühl der Zufriedenheit vs. Überfuellung
- 6.Taeglich eine Mahlzeit achtsam essen — nicht alle auf einmal (Überforderung vermeiden)
Evidenz: Kristeller & Wolever (2011) — MB-EAT (Mindfulness-Based Eating Awareness Training). Evidenzgrad B für BES. Reduktion von Essanfällen und emotionalem Essen.
Körperscan mit Akzeptanzfokus (Body Scan für Essstoerungen)
Adaptierter Body Scan, der explizit auf körperbezogene Akzeptanz ausgerichtet ist. Statt den Körper zu bewerten, lernt der Patient, körperliche Empfindungen neutral wahrzunehmen. WICHTIG: Kann bei AN und BN triggern — nur bei ausreichender therapeutischer Beziehung und Stabilisierung einsetzen.
- 1.Sichere Rahmenbedingungen schaffen: Patient liegt oder sitzt bekleidet, Augen geschlossen oder halb offen
- 2.Aufmerksamkeit auf die Fuesse lenken — neutral beschreiben was wahrgenommen wird (Wärme, Druck, Kribbeln)
- 3.Langsam aufwaerts: Beine, Hueften, Bauch (BESONDERS ACHTSAM — häufig angstbesetzt), Brust, Arme, Haende, Schultern, Hals, Gesicht
- 4.Bei schwierigen Bereichen (Bauch, Oberschenkel): 'Nehmen Sie wahr, was da ist. Sie müssen nichts veraendern. Ihr Körper trägt Sie durch den Tag.'
- 5.Wenn Bewertungen kommen ('Mein Bauch ist zu dick'): Als Gedanken benennen, nicht als Fakt — zurück zur körperlichen Empfindung
- 6.Abschluss: Körper als Ganzes wahrnehmen. 'Dieser Körper ist Ihr Zuhause.'
Evidenz: Dittmann & Freedman (2009) — Body Image adaptations for Eating Disorders. Evidenzgrad C (klinischer Konsens). Eingebettet in umfassende Körperbildtherapie.
Surfing the Urge (Drang-Surfen)
Achtsamkeitsbasierte Technik zur Bewältigung von Essanfall-Drang oder Purging-Impuls. Der Patient lernt, den Drang wie eine Welle zu beobachten: Er steigt an, erreicht einen Hoehepunkt und ebbt wieder ab — auch OHNE nachzugeben. Typische Dauer eines Drangs: 15-30 Minuten.
- 1.Drang wahrnehmen und benennen: 'Ich spüre gerade einen starken Essanfall-Drang' (nicht: 'Ich MUSS jetzt essen')
- 2.Im Körper lokalisieren: Wo spüre ich den Drang? Magen, Brust, Hals? Intensitaet 0-10?
- 3.Wellenmetapher: 'Dieser Drang ist wie eine Welle. Er steigt an, aber er wird auch wieder sinken.'
- 4.Aufmerksamkeit beim Drang bleiben — nicht kaempfen, nicht nachgeben, nur beobachten
- 5.Intensitaet alle 2 Minuten neu einschaetzen — Veraenderung wahrnehmen
- 6.Nach dem Abklingen: Selbstwirksamkeit würdigen. 'Sie haben den Drang überstanden, ohne zu handeln.'
Evidenz: Marlatt & Gordon (1985) — Relapse Prevention. Adaptiert für Essstoerungen. Evidenzgrad B.
Muster & Fallstricke
Typische Muster
Kompensationsverhalten als Angstreduktion
Nach Essanfällen oder auch normalen Mahlzeiten setzen Patienten kompensatorische Maßnahmen ein (Erbrechen, Laxantien, exzessiver Sport, Fasten), um die Angst vor Gewichtszunahme zu reduzieren. Kurzfristig sinkt die Anspannung, langfristig wird der Teufelskreis aufrechterhalten: Kompensation ermöglicht weitere Essanfälle, und die Angst vor dem Essen steigt.
Kontrollillusion durch Restriktion
Nahrungsrestriktion vermittelt ein Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit in einem Leben, das sich sonst unkontrollierbar anfühlt. Dieses Kontrollgefuehl ist zentral für die Ich-Syntonie der AN und erklärt, warum Patienten häufig ambivalent gegenüber Genesung sind: Recovery bedeutet den Verlust der einzigen wahrgenommenen Kontrollquelle.
Perfektionismus-Essstoerung-Nexus
Klinischer Perfektionismus ist einer der staerksten aufrechterhaltenden Faktoren bei Essstoerungen, insbesondere AN. Überhöhöhte Standards werden auf Körper, Essen und Gewicht übertragen: Das perfekte Gewicht, die perfekte Ernährung, der perfekte Körper. Jede Abweichung wird als katastrophales Versagen erlebt.
Pro-Ana/Pro-Mia und Social-Media-Einfluesse
Ein erheblicher Anteil der Patienten konsumiert online-Inhalte, die Essstoerungen verherrlichen oder aufrechterhalten: Pro-Ana/Pro-Mia-Foren, Thinspo/Fitspo auf Instagram/TikTok, Kalorien-Apps, Diaet-Communities. Diese Inhalte normalisieren pathologisches Essverhalten und verstärken Körperunzufriedenheit. Therapeuten müssen aktiv danach fragen.
Geheimhaltung und Doppelleben
Essstoerungen werden häufig über Jahre geheim gehalten. Patienten entwickeln elaborate Strategien, um ihr Essverhalten zu verbergen: Essen in der Oeffentlichkeit, Erbrechen auf Toiletten, Verstecken von Lebensmitteln, Vorschuetzen von Allergien/Unvertraeglichkeiten. Die Geheimhaltung verstärkt Scham und Isolation.