Persönlichkeitsstörungen
Spezifische Persönlichkeitsstörungen
12-Monatsprävalenz: 5-10%
Überblick
Persönlichkeitsstörungen (F60) sind tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen. Sie weichen erheblich von den kulturell erwarteten Erlebens- und Verhaltensweisen ab und betreffen Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Beziehungsgestaltung. Die Störungen beginnen in der Kindheit oder Adoleszenz und persistieren ins Erwachsenenalter. Sie verursachen erhebliches subjektives Leiden oder deutliche Beeinträchtigungen der sozialen und beruflichen Leistungsfähigkeit. Die ICD-10 unterscheidet spezifische Persönlichkeitsstörungen (F60.0–F60.7), wobei klinisch die emotional instabile PS vom Borderline-Typ (F60.31) am häufigsten behandelt wird. Konzeptuell werden die PS häufig in drei Cluster eingeteilt: Cluster A (sonderbar-exzentrisch: paranoid, schizoid), Cluster B (dramatisch-emotional: dissozial, emotional instabil, histrionisch, narzisstisch) und Cluster C (ängstlich-vermeidend: anankastisch, ängstlich, abhängig).
Prävalenz
Verlauf & Prognose
Persönlichkeitsstörungen galten lange als chronisch und therapieresistent — diese Annahme ist durch die Forschung der letzten 20 Jahre widerlegt. Die McLean-Studie (Zanarini et al.) zeigt, dass nach 10 Jahren 85% der Borderline-Patienten die diagnostischen Kriterien nicht mehr erfüllen, wobei funktionelle Beeinträchtigungen oft länger bestehen. Die Prognose hängt stark vom PS-Typ ab: Borderline zeigt die beste Therapierbarkeit (DBT, Schematherapie), Cluster-C-Störungen sprechen gut auf KVT an, dissoziale PS hat die ungünstigste Prognose. Prognostisch ungünstig sind: komorbider Substanzmissbrauch, schwere Kindheitstraumatisierung, fehlende soziale Einbindung und Therapieabbrüche. Suizidalität ist besonders bei BPS ein relevantes Risiko (8–10% vollendete Suizide). Nicht-suizidale Selbstverletzungen (NSSV) kommen bei 60–80% der BPS-Patienten vor.
Subtypen
Komorbiditäten
Diagnostik
ICD-10-Kriterien
Hauptkriterien
- ●Deutliche Unausgeglichenheit in den Einstellungen und im Verhalten in mehreren Funktionsbereichen (Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmung, Denken, Beziehungsgestaltung)
- ●Das abnorme Verhaltensmuster ist andauernd und nicht auf Episoden psychischer Krankheiten begrenzt
- ●Das abnorme Verhaltensmuster ist tiefgreifend und in vielen persönlichen und sozialen Situationen eindeutig unpassend
- ●Die Störung beginnt in der Kindheit oder Jugend und manifestiert sich auf Dauer im Erwachsenenalter
- ●Die Störung führt zu deutlichem subjektivem Leiden, manchmal erst im späteren Verlauf
- ●Die Störung ist mit deutlichen Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit verbunden
Zusatzkriterien
- ○Für F60.31 (Borderline): Identitätsstörung (instabiles Selbstbild oder Selbstwahrnehmung)
- ○Für F60.31: Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen (Wechsel zwischen Idealisierung und Entwertung)
- ○Für F60.31: Chronische Gefühle von Leere
- ○Für F60.31: Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen
- ○Für F60.31: Wiederholte Suiziddrohungen, -andeutungen oder Selbstverletzungen
- ○Für F60.31: Affektive Instabilität — ausgeprägte Stimmungsschwankungen (Stunden bis wenige Tage)
- ○Für F60.31: Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, Wut zu kontrollieren
- ○Für F60.31: Vorübergehende, stressabhängige paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome
Schweregrade
Screening-Instrumente
Differentialdiagnosen
Red Flags
- ⚠Akute Suizidalität — bei BPS besonders ernst nehmen: 8-10% vollendete Suizide. Nicht-suizidale Selbstverletzung (NSSV) von suizidaler Absicht differenzieren
- ⚠Schwere dissoziative Zustände — Orientierungsverlust, Depersonalisation, Amnesie. Akute Sicherung erforderlich, keine konfrontative Arbeit
- ⚠Fortgesetzte schwere Selbstverletzung mit zunehmender Schwere oder abnehmender Schmerzwahrnehmung — Hinweis auf Eskalation
- ⚠Psychotische Symptome unter Stress (Pseudohalluzinationen, paranoide Zustände) — meist kurz und reversibel bei BPS, aber Abklärung schizotyper oder psychotischer Störungen nötig
- ⚠Substanzmissbrauch als Selbstmedikation — drastisch erhöhtes Suizidrisiko bei BPS + Substanzgebrauch
- ⚠Fremdgefährdung bei dissozialer PS — Gewaltanamnese systematisch erfragen, Meldepflichten beachten
- ⚠Therapieabbruch-Muster — gehäufte Abbrüche nach Beziehungskrisen oder Therapeutenwechsel sind typisch, aber klinisch riskant
Therapieansätze
Erste Wahl
Dialektisch-Behaviorale Therapie ist die am besten evaluierte Therapie für Borderline-PS (F60.31). Signifikante Reduktion von Suizidversuchen, Selbstverletzung, stationären Aufnahmen und Therapieabbrüchen. Vier Module: Achtsamkeit, Stresstoleranz, Emotionsregulation, Zwischenmenschliche Fertigkeiten. Standard-DBT umfasst Einzeltherapie, Skillsgruppe, Telefoncoaching und Intervision.
Quelle: S3-LL Borderline PS (AWMF 028-012, 2022), Empfehlung 4.1
Schematherapie zeigt in RCTs signifikante Überlegenheit gegenüber unspezifischer Behandlung bei BPS. Fokus auf frühe maladaptive Schemata und Schema-Modi (Verlassenes Kind, Bestrafender Elternteil, Distanzierter Beschützer etc.). Besonders wirksam bei Patienten mit ausgeprägter Kindheitstraumatisierung und narzisstischer PS. Langzeitformat (2-3 Jahre).
Quelle: S3-LL Borderline PS (AWMF 028-012, 2022), Empfehlung 4.2
Zweite Wahl
Pharmakotherapie
Indikation: Keine Pharmakotherapie ist für die Behandlung der PS per se zugelassen oder als Monotherapie empfohlen. Medikation nur symptomorientiert und als Ergänzung zur Psychotherapie. Bei BPS: kurzfristig Stimmungsstabilisierer bei schwerer affektiver Instabilität, niedrigdosierte Antipsychotika bei pseudopsychotischen Symptomen, SSRI bei komorbider Depression. Cave: Benzodiazepine kontraindiziert bei BPS (Enthemmung, Abhängigkeitsrisiko).
Die S3-Leitlinie betont ausdrücklich: Psychotherapie ist die Behandlung der Wahl bei PS. Pharmakotherapie soll zeitlich begrenzt und symptomorientiert eingesetzt werden. Regelmäßige Überprüfung der Medikation und Absetzversuche sind empfohlen. Polypharmazie vermeiden — bei BPS-Patienten häufiges Problem.
Spezielle Populationen
Interventionen & Übungen
Arbeitsblätter
Empfohlene Arbeitsblätter
Weitere Arbeitsblätter
Tägliches Selbstmonitoring-Instrument der DBT. Erfasst Emotionsintensität, Drang zu Problemverhalten (Selbstverletzung, Suizidgedanken, Substanzkonsum), tatsächliches Problemverhalten und eingesetzte Skills. Grundlage für die Sitzungsstrukturierung — wird zu Beginn jeder Einzelsitzung besprochen.
Selbstbeobachtungsinstrument der Schematherapie. Patient dokumentiert aktivierte Schema-Modi in Alltagssituationen — Auslöser, aktiven Modus, Bedürfnis des Kind-Modus, alternative Reaktion des Gesunden Erwachsenen. Fördert die Fähigkeit zur Modus-Erkennung und stärkt den Gesunden Erwachsenen.
Entspannungsverfahren
Empfohlene Übungen
Spezifische Techniken
Eis-Skill (TIPP — Temperatur)
Hocheffektiver DBT-Skill bei akuter Hochspannung und Dissoziationsgefahr. Starker sensorischer Reiz (Eiswürfel, kaltes Wasser im Gesicht) aktiviert den Tauchreflex, senkt die Herzfrequenz und durchbricht dissoziative Zustände. Evidenzbasierte Alternative zu Selbstverletzung bei Spannungszuständen >7/10.
- 1.Eiswürfel in die Hand nehmen oder kaltes Wasser ins Gesicht spritzen (Achtung: nicht bei Herzerkrankungen)
- 2.Mindestens 30 Sekunden halten — den intensiven sensorischen Reiz bewusst wahrnehmen
- 3.Aufmerksamkeit auf die Kälteempfindung lenken: Wo spüre ich es am stärksten?
- 4.Spannungsniveau vor und nach der Übung einschätzen (0-10)
- 5.Bei Bedarf wiederholen — maximal 3 Durchgänge
Evidenz: Linehan (2015) — DBT Skills Training Manual. Evidenzgrad A. Physiologischer Mechanismus: Aktivierung des parasympathischen Nervensystems durch den Tauchreflex.
Sensorisches Grounding mit Gegenständen (Skills-Koffer)
Einsatz konkreter sensorischer Gegenstände zur Unterbrechung von Dissoziation, Flashbacks und Hochspannung. Der Patient trägt einen persönlichen 'Skills-Koffer' mit sich — eine Sammlung von Gegenständen, die verschiedene Sinne ansprechen (Ammoniak-Riechstift, Igelball, saure Bonbons, ätherisches Öl).
- 1.Skills-Koffer individuell zusammenstellen: Für jeden Sinn mindestens einen Gegenstand (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen)
- 2.In ruhigem Zustand jeden Gegenstand ausprobieren und Wirksamkeit einschätzen
- 3.Spannungskurve beachten: Welcher Reiz wirkt bei welchem Spannungsniveau? (Igelball bei 5/10, Ammoniak bei 8/10)
- 4.Skills-Koffer immer greifbar haben — in Handtasche, auf Nachttisch, am Arbeitsplatz
- 5.Nach jeder Nutzung im Diary Card dokumentieren: Was habe ich benutzt? Hat es geholfen?
Evidenz: Bohus & Wolf-Arehult (2013) — Interaktives Skillstraining für BPS. Evidenzgrad A im Rahmen der DBT.
Achtsames Gehen (Walking Mindfulness)
Achtsamkeitsübung mit Bewegungskomponente, besonders geeignet für PS-Patienten, die bei Sitz-Meditationen dissoziieren oder unruhig werden. Die Aufmerksamkeit wird auf die Empfindungen beim Gehen gerichtet — Fußkontakt mit dem Boden, Gewichtsverlagerung, Muskelaktivität. Doppelter Effekt: Achtsamkeitstraining + körperliche Aktivierung.
- 1.Einen ruhigen Weg von ca. 10-15 Schritten wählen (Innenraum oder Außen)
- 2.Im normalen Tempo beginnen und langsam verlangsamen — Aufmerksamkeit auf die Füße richten
- 3.Jeden Schritt bewusst wahrnehmen: Anheben — Vorwärtsbewegen — Aufsetzen — Gewicht verlagern
- 4.Bei Gedanken: Freundlich bemerken und zurück zur Wahrnehmung des Gehens
- 5.Am Ende des Weges kurz innehalten, umdrehen, zurückgehen — 5-10 Minuten insgesamt
- 6.Variante bei Dissoziation: Barfuß gehen, Aufmerksamkeit auf verschiedene Bodenoberflächen
Evidenz: Kabat-Zinn (2013) — Full Catastrophe Living. Adaptiert für BPS in DBT-Achtsamkeitsmodul. Evidenzgrad B.
Muster & Fallstricke
Typische Muster
Idealisierung und Entwertung (Spaltung)
Typisch für BPS: Andere (auch Therapeuten) werden zunächst idealisiert ('Sie sind der beste Therapeut, den ich je hatte'), bei Enttäuschung schlagartig entwertet ('Sie verstehen mich überhaupt nicht, Sie sind inkompetent'). Zugrunde liegt die Unfähigkeit, ambivalente Repräsentationen zu integrieren — alles ist entweder gut oder schlecht.
Selbstverletzung als Emotionsregulation
60-80% der BPS-Patienten zeigen nicht-suizidale Selbstverletzungen (NSSV). Funktionen: Spannungsreduktion (häufigste), Selbstbestrafung, Beendigung dissoziativer Zustände, Kommunikation von Leid. Wichtig: NSSV von Suizidalität differenzieren — verschiedene Mechanismen und Interventionen, aber NSSV ist ein starker Risikofaktor für Suizid.
Chronische Leere und Identitätsdiffusion
BPS-Patienten beschreiben häufig ein tiefes Gefühl innerer Leere, begleitet von der Unfähigkeit, ein stabiles Selbstbild aufrechtzuerhalten ('Ich weiß nicht, wer ich bin'). Identität, Werte, Ziele und teils die sexuelle Orientierung können instabil sein. Das Leere-Gefühl wird oft mit Substanzkonsum, riskantem Verhalten oder intensiven Beziehungen kompensiert.
Therapie-Dropout und Beziehungsabbrüche
PS-Patienten, insbesondere mit BPS, zeigen die höchsten Therapieabbruch-Raten (bis 50% in unspezifischer Behandlung). Abbrüche folgen oft demselben Muster wie Beziehungsabbrüche: Idealisierung → Enttäuschung → Flucht. Weitere Gründe: Angst vor Nähe/Abhängigkeit, Wut auf den Therapeuten, Scham nach Selbstenthüllung.
Grenztestung in der therapeutischen Beziehung
BPS-Patienten testen oft unbewusst die Grenzen des Therapeuten: Terminüberschreitungen, Anrufe außerhalb der vereinbarten Zeiten, Forderungen nach Sonderbehandlung, Spaltung im Behandlungsteam. Zugrunde liegt die Frage: 'Bleibst du, auch wenn ich schwierig bin? Hältst du aus, was ich aushalte?' — Prüfung der Beziehungssicherheit.