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F51
Verhaltensauffälligkeiten

Schlafstörungen

Nichtorganische Insomnie & weitere nichtorganische Schlafstörungen

12-Monatsprävalenz: 6-10% (Insomnie)

2-3 Seiten Zusammenfassung

Überblick

Die nichtorganische Insomnie (F51.0) ist die häufigste Schlafstörung in der psychotherapeutischen Praxis. Sie ist gekennzeichnet durch Ein- und/oder Durchschlafstörungen oder nicht erholsamen Schlaf an mindestens drei Nächten pro Woche über mindestens einen Monat, verbunden mit deutlichem Leidensdruck oder Beeinträchtigung der Alltagsfunktionen — ohne dass eine organische Ursache die Beschwerden hinreichend erklärt. Charakteristisch ist die überwiegende gedankliche Beschäftigung mit dem Schlaf: Betroffene sorgen sich tagsüber um die kommende Nacht und nachts um die Folgen des Wachliegens, wodurch ein sich selbst aufrechterhaltender Teufelskreis aus Anspannung und Schlaflosigkeit entsteht. Die Gruppe F51 umfasst daneben weitere nichtorganische Schlafstörungen: Hypersomnie, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus sowie die Parasomnien Schlafwandeln, Pavor nocturnus und Albträume.

ICD-10
F51.0-F51.5
Häufigkeit
6-10% pro Jahr (Insomnie)
Geschlechterverhältnis
Frauen ca. 1,5:1
Verlauf unbehandelt
>50% persistieren nach 1 Jahr
Erstlinientherapie
KVT-I (Empfehlungsgrad A)
Effektstärke KVT-I
g ≈ 0,98 (ISI)

Prävalenz

Gesamt: 12-Monatsprävalenz der Insomnie-Störung: ca. 6-10% der Erwachsenen. Einzelne Insomnie-Symptome ohne vollen Störungswert sind deutlich häufiger.
Geschlecht: Frauen sind etwa 1,5-mal häufiger betroffen als Männer. Hormonelle Umstellungsphasen (Schwangerschaft, Peripartalzeit, Menopause) gelten als vulnerable Zeitfenster.
Alter: Die Prävalenz nimmt mit dem Alter zu — begünstigt durch die altersphysiologisch veränderte Schlafarchitektur, somatische Komorbidität und sedierende bzw. schlafstörende Medikation.
Trend: Steigende Tendenz, u.a. durch chronische Stressbelastung, Schichtarbeit und abendliche Bildschirmnutzung; zugleich zunehmende Erkennungs- und Behandlungsraten.

Verlauf & Prognose

Unbehandelt verläuft die Insomnie häufig chronisch: Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen persistiert die Störung länger als ein Jahr. Das 3P-Modell nach Spielman beschreibt den typischen Verlauf: Prädisponierende Faktoren (z.B. erhöhtes Arousal-Niveau, familiäre Belastung, perfektionistische Züge) treffen auf auslösende Faktoren (z.B. berufliche Belastung, Trennung, Erkrankung). Aufrechterhaltend wirken anschließend vor allem dysfunktionale Verhaltensweisen und Kognitionen — verlängerte Bettzeiten, Tagesschlaf, unregelmäßige Schlafzeiten und die wachsende Angst vor dem Nicht-Schlafen-Können. Diese aufrechterhaltenden Faktoren sind der zentrale Ansatzpunkt der KVT-I: Auch wenn der ursprüngliche Auslöser längst weggefallen ist, bleibt die Insomnie über sie bestehen. Unter leitliniengerechter Behandlung ist die Prognose gut; die Effekte der KVT-I bleiben auch nach Therapieende stabil.

Subtypen

F51.0
Nichtorganische Insomnie
Ein-/Durchschlafstörungen oder nicht erholsamer Schlaf ≥3x/Woche über ≥1 Monat mit Leidensdruck oder Tagesbeeinträchtigung. Häufigste F51-Diagnose und Fokus der KVT-I.
F51.1
Nichtorganische Hypersomnie
Exzessive Tagesschläfrigkeit oder verlängerter Nachtschlaf ohne organische Ursache und ohne unzureichende Schlafdauer. Abgrenzung zu Narkolepsie und Schlafapnoe erforderlich.
F51.2
Nichtorganische Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus
Desynchronisation zwischen individuellem Schlaf-Wach-Rhythmus und den Anforderungen der Umwelt (z.B. bei Schichtarbeit) — Schlaflosigkeit zur Hauptschlafzeit, Schläfrigkeit in der Wachperiode.
F51.3
Schlafwandeln (Somnambulismus)
Verlassen des Bettes und Umhergehen im Tiefschlaf (erstes Nachtdrittel), herabgesetzte Ansprechbarkeit, Amnesie für die Episode. Vorwiegend im Kindesalter.
F51.4
Pavor nocturnus
Abruptes nächtliches Aufschrecken aus dem Tiefschlaf mit Panikschrei, heftigen vegetativen Symptomen und Desorientiertheit; morgendliche Amnesie. Abgrenzung zu Albträumen über Schlafstadium und Erinnerbarkeit.
F51.5
Albträume (Angstträume)
Lebhafte, stark ängstigende Träume im REM-Schlaf (zweite Nachthälfte) mit detaillierter Erinnerung und rascher Reorientierung nach dem Erwachen. Gehäuft bei PTBS und Belastungen.

Komorbiditäten

F32Depressive EpisodeHäufig
F41Angststörungen (v.a. generalisierte Angststörung)Häufig
F45.4Chronische SchmerzsyndromeHäufig
F10Alkoholmissbrauch (als Selbstmedikation zum Einschlafen)Gelegentlich

Diagnostik

ICD-10-Kriterien

Hauptkriterien

  • Klagen über Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen oder eine schlechte Schlafqualität (nicht erholsamer Schlaf)
  • Die Schlafstörungen treten mindestens dreimal pro Woche über einen Zeitraum von mindestens einem Monat auf
  • Überwiegende gedankliche Beschäftigung mit der Schlafstörung — nachts wie tagsüber — sowie übertriebene Sorge über deren negative Konsequenzen
  • Die unbefriedigende Schlafdauer oder -qualität verursacht deutlichen Leidensdruck oder wirkt sich störend auf die alltägliche Funktionsfähigkeit aus

Zusatzkriterien

  • Typische Tagesbeeinträchtigungen (klinisch relevant, nicht eigenständig kodiert): Müdigkeit, Erschöpfung, reduzierte Leistungsfähigkeit
  • Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprobleme
  • Reizbarkeit und Stimmungsbeeinträchtigung
  • Körperliche Anspannungskorrelate wie Muskelverspannung oder Kopfdruck
Erforderlich
Alle vier Hauptkriterien müssen erfüllt sein. Die Tagesbeeinträchtigungen untermauern die klinische Relevanz, sind aber keine formalen Zusatzkriterien mit Mindestanzahl.
Dauer
Mindestens 3 Nächte pro Woche über mindestens 1 Monat

Screening-Instrumente

ISIInsomnia Severity IndexFrei verfügbar
7 Items
Cut-off: ≥ 15 (klinisch relevante Insomnie)
Sens.: ca. 86%
Spez.: ca. 88%
PSQIPittsburgh Sleep Quality IndexFrei verfügbar
19 Items
Cut-off: > 5 (auffällige Schlafqualität)
Sens.: ca. 90%
Spez.: ca. 87%

Differentialdiagnosen

G47.0
Organisch bedingte InsomnieEin- und Durchschlafstörungen als direkte Folge einer körperlichen Erkrankung (z.B. Hyperthyreose, chronischer Schmerz, kardiopulmonale Erkrankungen). Somatische Anamnese und ggf. ärztliche Abklärung obligat.
G47.3
Schlafapnoe-SyndromLautes, unregelmäßiges Schnarchen, fremdbeobachtete Atempausen, morgendliche Kopfschmerzen, ausgeprägte Tagesschläfrigkeit. Fremdanamnese einholen; bei Verdacht schlafmedizinische Diagnostik (Polygraphie/Polysomnographie).
G25.8
Restless-Legs-SyndromBewegungsdrang der Beine mit Missempfindungen, abends und in Ruhe zunehmend, Besserung durch Bewegung — führt typischerweise zu Einschlafstörungen. Neurologische Abklärung, ggf. Eisenstatus.
F32
Depressive EpisodeInsomnie (v.a. Früherwachen) als Symptom der Depression. Verhältnis klären: Stimmung, Interessenverlust und Antrieb aktiv explorieren. Insomnie kann Prodrom, Begleitsymptom oder eigenständige komorbide Störung sein.
F41.1
Generalisierte AngststörungEinschlafstörungen durch anhaltendes Sorgen — die Sorgen betreffen jedoch viele Lebensbereiche und nicht überwiegend den Schlaf selbst. Bei F51.0 kreist die Sorge primär um Schlaf und dessen Folgen.
F1x
Substanzinduzierte SchlafstörungZeitlicher Zusammenhang mit Koffein, Alkohol (verkürzte Einschlaflatenz, aber fragmentierter Schlaf in der zweiten Nachthälfte), Stimulanzien oder Hypnotika-Entzug. Substanzanamnese inklusive rezeptfreier Präparate.

Red Flags

  • Fremdbeobachtete Atemaussetzer oder lautes, unregelmäßiges Schnarchen — schlafmedizinische Abklärung (Verdacht auf Schlafapnoe) vor bzw. parallel zur KVT-I
  • Ausgeprägte Tagesschläfrigkeit mit Einschlafattacken in monotonen oder sogar aktiven Situationen — Narkolepsie-Verdacht, neurologisch-schlafmedizinische Diagnostik
  • Komplexes oder gewalttätiges nächtliches Verhalten mit Verletzungsgefahr für Patient oder Bettpartner (Ausagieren von Trauminhalten) — Verdacht auf REM-Schlaf-Verhaltensstörung, neurologische Abklärung
  • Suizidalität bei komorbider Depression — Insomnie ist ein eigenständiger Risikofaktor; Suizidalität aktiv explorieren und Krisenplan etablieren

Therapieansätze

Erste Wahl

KVTEvidenz Ag ≈ 0,98 (ISI, van Straten et al. 2018)

Die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) ist die Erstlinientherapie und soll vor jeder Pharmakotherapie angeboten werden. Kernelemente: Stimuluskontrolle, Schlafrestriktion, kognitive Techniken, Entspannungsverfahren und Psychoedukation. Große Effekte auf Insomnie-Schwere, Einschlaflatenz und nächtliche Wachzeiten; die Effekte bleiben nach Therapieende stabil.

Quelle: S3-LL Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen (AWMF 063-003)

Zweite Wahl

Evidenz B
ACTAchtsamkeits- und akzeptanzbasierte Verfahren bei chronischer Insomnie mit hohem kognitiven Arousal und ausgeprägtem Kampf gegen das Wachliegen. Sinnvoll, wenn die Kontrollversuche des Schlafs selbst zum zentralen aufrechterhaltenden Faktor geworden sind — Akzeptanz und Defusion ersetzen den Einschlaf-Leistungsdruck.
Evidenz C
TPBei Insomnie im Kontext einer komorbiden Depression oder anhaltender interpersoneller bzw. biografischer Konflikte, die das nächtliche Grübeln unterhalten. Kein insomniespezifisches Verfahren — schlafbezogene Kernelemente der KVT-I (Stimuluskontrolle, Schlafrestriktion) sollten ergänzt werden.

Pharmakotherapie

Indikation: Nur wenn die KVT-I nicht verfügbar oder nicht ausreichend wirksam ist — und dann grundsätzlich kurzfristig. Eine primäre oder alleinige Dauerbehandlung mit Hypnotika entspricht nicht der Leitlinie.

Mittel der Wahl: Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon) — nur kurzfristig, ≤ 4 Wochen, Sedierende Antidepressiva in niedriger Dosierung (z.B. Doxepin), Melatonin retard ab 55 Jahren

Langfristige Hypnotika-Einnahme vermeiden (Toleranz-, Abhängigkeits- und Rebound-Risiko). Bei bestehender Dauereinnahme strukturierten Absetzplan mit den Verordnenden abstimmen und mit KVT-I kombinieren — das erhöht die Absetzerfolge.

Spezielle Populationen

Ältere Erwachsene (>65): Schlafrestriktion vorsichtig dosieren — Sturzgefahr bei nächtlichem Aufstehen und erhöhter Tagesmüdigkeit beachten. Altersphysiologisch veränderte Schlafarchitektur psychoedukativ einordnen (weniger Tiefschlaf ist normal, kein Krankheitszeichen). Cave: sedierende und anticholinerge Medikation.
Schichtarbeitende: Chronotherapeutische Prinzipien nutzen: Lichtmanagement (helles Licht zu Schichtbeginn, Abdunkelung bzw. Sonnenbrille nach der Nachtschicht), geplante Schlaffenster, strategische Kurzschlafepisoden. Klassische Stimuluskontroll- und Restriktionsregeln an den Schichtplan anpassen.
Schwangere: Keine Hypnotika. KVT-I ist das Verfahren der Wahl; Schlafrestriktion nur moderat anwenden und engmaschig begleiten. Schlafstörungen aktiv erfragen und auf komorbide depressive Symptome achten (Peripartalzeit als vulnerable Phase).

Interventionen & Übungen

Arbeitsblätter

Empfohlene Arbeitsblätter

DGSM Schlafprotokoll (Morgen- und Abendversion)
Standardisiertes Schlafprotokoll (DGSM) als Basis für Diagnostik, Schlafrestriktions-Titration und Verlaufsmessung. Grundlage jeder KVT-I.
Phase: Anfangsphase — Diagnostik & Verlaufsmessung
Schlafhygiene-Protokoll
Strukturierte Erfassung schlafhygienerelevanter Verhaltensweisen; macht individuelle aufrechterhaltende Faktoren (Koffein, Bildschirm, unregelmäßige Zeiten) sichtbar.
Phase: Anfangsphase — Psychoedukation
Gedankenprotokoll (5-Spalten-Technik)
Bearbeitung nächtlichen Grübelns und dysfunktionaler Schlafüberzeugungen ('Morgen bin ich nicht arbeitsfähig') nach dem klassischen 5-Spalten-Schema.
Phase: Arbeitsphase — Kognitive Umstrukturierung
Kognitive Verzerrungen - Denkfehler-Liste mit Gegenstrategien
Katastrophisieren und Alles-oder-Nichts-Denken ('Ohne 8 Stunden Schlaf ist der Tag gelaufen') als typische Denkfehler bei Insomnie identifizieren und benennen.
Phase: Arbeitsphase — Kognitive Umstrukturierung
Wochenprotokoll angenehmer Aktivitäten
Aufbau tagesstrukturierender Aktivität reduziert Tagesschlaf und Bettzeit-Ausdehnung; zentral bei komorbider Depression.
Phase: Arbeitsphase — Tagesstrukturierung
Entspannungstagebuch (Progressive Muskelrelaxation)
Dokumentiert die tägliche PMR-Praxis und ihre Wirkung; unterstützt den Transfer des Entspannungstrainings in die Abendroutine.
Phase: Arbeitsphase — Entspannungstraining
Rückfallpräventionsplan
Frühwarnzeichen (z.B. erneute Bettzeit-Ausdehnung nach belasteten Nächten) und konkrete Gegenmaßnahmen schriftlich verankern.
Phase: Abschlussphase — Rückfallprävention

Weitere Arbeitsblätter

Schlaftagebuch (14 Tage)Evidenz A

Tägliche Selbstbeobachtung von Bettzeiten, Einschlafdauer, nächtlichen Wachzeiten und Tagesbefinden über zwei Wochen. Grundlage für die Berechnung der Schlafeffizienz und die Titration der Schlafrestriktion; zugleich Verlaufsmaß über die gesamte Therapie. Morgens innerhalb der ersten Stunde nach dem Aufstehen ausfüllen — nachts nicht auf die Uhr schauen, Schätzwerte genügen.

Spalten: Datum • Zubettgehzeit • Einschlafdauer (Min.) • Nächtliche Wachzeiten • Aufstehzeit • Geschätzte Schlafzeit • Tagesbefinden (1–10) • Besonderheiten (Koffein, Alkohol, Sport)

Entspannungsverfahren

Spezifische Techniken

Gedankenstuhl / Grübelstopp vor dem Zubettgehen

Strukturierte Grübelzeit am frühen Abend an einem festen Ort außerhalb des Schlafzimmers. Sorgen und offene Themen werden bewusst durchgearbeitet und schriftlich 'geparkt', damit sie nicht mit ins Bett genommen werden. Entkoppelt das Grübeln räumlich und zeitlich vom Bett und reduziert das kognitive Arousal in der Nacht.

  1. 1.Festen 'Gedankenstuhl' wählen: ein Platz außerhalb des Schlafzimmers, täglich etwa zur gleichen Zeit am frühen Abend (nicht unmittelbar vor dem Zubettgehen)
  2. 2.15-20 Minuten Grübelzeit einplanen: Sorgen, offene Aufgaben und Gedanken des Tages aufschreiben
  3. 3.Zu jedem Punkt kurz notieren: Was ist morgen der nächste konkrete kleine Schritt?
  4. 4.Die Liste bewusst schließen ('geparkt bis morgen') und den Platz verlassen
  5. 5.Taucht das Grübeln nachts auf: innerlich kurz benennen ('steht auf der Liste') und die Aufmerksamkeit zu Atem oder Körper zurücklenken

Evidenz: Kognitive Technik im Rahmen der multimodalen KVT-I (S3-LL Nicht erholsamer Schlaf, AWMF 063-003).

4-7-8-Atmung im Bett

Atemtechnik mit verlängerter Ausatmung: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen. Die verlängerte Exspiration wirkt parasympathisch beruhigend und bietet zugleich einen neutralen Zählfokus gegen Grübelschleifen beim Einschlafen.

  1. 1.Bequem im Bett liegen, Zungenspitze locker hinter die oberen Schneidezähne legen
  2. 2.Einmal vollständig durch den Mund ausatmen
  3. 3.4 Sekunden ruhig durch die Nase einatmen
  4. 4.7 Sekunden den Atem halten (bei Unwohlsein kürzer — das Verhältnis zählt, nicht die absolute Dauer)
  5. 5.8 Sekunden langsam und hörbar durch den Mund ausatmen
  6. 6.Vier Zyklen wiederholen; bei Bedarf nach einer kurzen Pause erneut beginnen

Evidenz: Atemtechniken mit verlängerter Ausatmung senken das physiologische Arousal; einsetzbar als Entspannungselement der KVT-I (Entspannungsverfahren: Empfehlungsgrad B).

Muster & Fallstricke

Typische Muster

Bettzeit-Ausdehnung als Sicherheitsverhalten

Nach schlechten Nächten gehen Betroffene früher ins Bett, bleiben morgens länger liegen oder schlafen tagsüber — in der Hoffnung, Schlaf 'nachzuholen'. Die ausgedehnte Bettzeit senkt jedoch den Schlafdruck und fragmentiert den Schlaf weiter.

Beispiel: Eine Patientin geht nach einer durchwachten Nacht bereits um 21 Uhr ins Bett ('damit ich wenigstens eine Chance auf 8 Stunden habe'), liegt dann zwei Stunden wach und wacht nachts mehrfach auf.
Intervention: Schlafrestriktion: Bettzeit an der tatsächlichen Schlafzeit ausrichten, feste Aufstehzeit, kein Tagesschlaf. Psychoedukation zum Schlafdruck (Zwei-Prozess-Modell) als Rationale.

Nächtliches Uhr-Schauen

Der Blick auf die Uhr beim nächtlichen Erwachen löst sofort Rechenoperationen und Katastrophengedanken aus ('Nur noch 4 Stunden!') und steigert das Arousal — das Wachliegen verlängert sich.

Beispiel: Ein Patient wacht um 3:12 Uhr auf, greift zum Handy, rechnet die Restschlafzeit aus und gerät in Ärger und Anspannung: 'Das reicht nie für den Termin morgen.'
Intervention: Wecker umdrehen, Handy außer Reichweite bzw. aus dem Schlafzimmer. Kognitive Vorbereitung: Die Uhrzeit hat nachts keinen Handlungswert. Bei anhaltendem Wachliegen greifen die Stimuluskontroll-Regeln.

Konditioniertes Arousal — das Bett als Wachmacher

Durch wiederholtes Wachliegen, Grübeln und Ärgern im Bett wird das Bett selbst zum konditionierten Auslöser für Anspannung und Wachheit. Typisches Erkennungszeichen: auf dem Sofa schläfrig, im Bett hellwach.

Beispiel: Ein Patient berichtet: 'Vor dem Fernseher nicke ich ständig ein. Sobald ich mich ins Bett lege, ist der Kopf an — wie ein Schalter.'
Intervention: Stimuluskontrolle nach Bootzin: Bett ausschließlich zum Schlafen, bei Wachliegen aufstehen, feste Aufstehzeit. Die paradoxe 'Sofa-Schläfrigkeit' psychoedukativ als Beleg des Konditionierungsmodells nutzen.

Leistungsdruck: 'Ich MUSS jetzt schlafen'

Schlaf wird als Leistung gerahmt, die willentlich erbracht werden muss — je wichtiger der nächste Tag, desto größer der Einschlafdruck. Die Anstrengung erzeugt genau das Arousal, das das Einschlafen verhindert (Erwartungsangst-Kreislauf).

Beispiel: Am Abend vor einer Präsentation liegt eine Patientin um 22:30 Uhr angespannt im Bett: 'Wenn ich jetzt nicht sofort einschlafe, versaue ich morgen alles.' Sie schläft in dieser Nacht besonders schlecht.
Intervention: Paradoxe Intention: sanft versuchen, wach zu bleiben. Kognitive Umstrukturierung des Katastrophisierens; Verhaltensexperiment zur tatsächlichen Leistungsfähigkeit nach schlechten Nächten.

Therapeutische Fallstricke

Schlafhygiene-Beratung als alleinige Intervention
Folge: Bei chronischer Insomnie allein nicht ausreichend wirksam — Patient und Behandler erleben Stillstand, die Störung chronifiziert weiter und die Glaubwürdigkeit verhaltenstherapeutischer Ansätze leidet.
Schlafhygiene nur als Basis vermitteln und konsequent mit den KVT-I-Kernelementen (Stimuluskontrolle, Schlafrestriktion, kognitive Techniken) kombinieren — so sieht es die S3-Leitlinie vor.
Schlafrestriktion zu früh lockern
Folge: Wird das Bettzeitfenster bei ersten Besserungen vorschnell erweitert, sinkt der Schlafdruck wieder — Schlaffragmentierung und Frustration kehren zurück ('Es wirkt ja doch nicht').
Titrationsregeln konsequent anwenden: Erweiterung erst bei stabiler Schlafeffizienz ≥ 85% über eine Woche, dann in kleinen Schritten (15-30 Min.).
Hypnotika-Einnahme ohne Absetzplan dulden
Folge: Toleranzentwicklung, Abhängigkeit und Rebound-Insomnie; die Medikation wird selbst zum aufrechterhaltenden Faktor und untergräbt die Selbstwirksamkeitserwartung ('Ohne Tablette schlafe ich nie').
Bestehende Hypnotika-Einnahme aktiv explorieren, mit den Verordnenden kooperieren und einen strukturierten Absetzplan parallel zur KVT-I etablieren (Leitlinie: Hypnotika nur kurzfristig, ≤ 4 Wochen).

Gegenübertragung

Ungeduld bei langsamer Response: Die Effekte der KVT-I bauen sich über Wochen auf — oft mit anfänglicher Verschlechterung unter Schlafrestriktion. Fortschritte anhand des Schlaftagebuchs objektivieren und dem Patienten spiegeln; die eigene Erfolgserwartung am realen Wirkverlauf ausrichten.
Übernahme des Katastrophisierens: Die dramatischen Schilderungen der Tagesfolgen können dazu verleiten, die Insomnie als Notfall zu behandeln und z.B. vorschnell Medikation zu befürworten. Innere Distanz wahren: Insomnie ist gut behandelbar, und das Katastrophisieren ist Teil des Störungsmodells — also Gegenstand der Therapie, nicht ihr Maßstab.

Leitlinien

S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen — Insomnie bei Erwachsenen

Version Update 2017 (AWMF-Registernummer 063-003) • AWMF 063-003
Zur Leitlinie →

Kernempfehlungen

A
Die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) soll bei Erwachsenen jeden Lebensalters als erste Behandlungsoption eingesetzt werden — vor jeder Pharmakotherapie.
Große, nach Therapieende stabile Effekte auf Insomnie-Schwere und Schlafkontinuität (Metaanalysen, u.a. van Straten et al. 2018)
A
Eine medikamentöse Therapie (z.B. Z-Substanzen) soll nur kurzfristig eingesetzt werden (≤ 4 Wochen), wenn die KVT-I nicht verfügbar oder nicht ausreichend wirksam ist.
Wirksamkeitsnachweise nur für den Kurzzeitgebrauch; Toleranz-, Abhängigkeits- und Rebound-Risiken bei Langzeiteinnahme
B
Schlafhygiene-Beratung allein ist zur Behandlung der chronischen Insomnie nicht ausreichend und soll mit den verhaltenstherapeutischen Kernelementen kombiniert werden.
Alleinige Schlafhygiene-Edukation zeigt gegenüber der multimodalen KVT-I keine ausreichende Wirksamkeit

Weitere Leitlinien & Empfehlungen

European Insomnia Guideline 2023
Riemann et al., Journal of Sleep Research (European Sleep Research Society)Aktualisierte europäische Empfehlungen zu Diagnostik und Behandlung der Insomnie; bestätigt die KVT-I als First-Line-Behandlung und präzisiert die Empfehlungen zur Pharmakotherapie.

Literatur

Grundlagenwerke

Spielman AJ, Caruso LS, Glovinsky PB (1987). A behavioral perspective on insomnia treatment. Psychiatric Clinics of North America.
Formuliert das 3P-Modell der Insomnie (prädisponierende, auslösende, aufrechterhaltende Faktoren) — bis heute das zentrale ätiologische Rahmenmodell der KVT-I. Aus derselben Arbeitsgruppe stammt die Schlafrestriktionstherapie.
Bootzin RR (1972). Stimulus control treatment for insomnia. Proceedings of the 80th Annual Convention of the American Psychological Association.
Erstbeschreibung der Stimuluskontrolle: Das Bett wird durch konsequente Neukopplung wieder zum Auslösereiz für Schlaf. Bis heute eine der am besten belegten Einzelkomponenten der KVT-I.
Morin CM (1993). Insomnia: Psychological Assessment and Management. Guilford Press.
Standardwerk zur psychologischen Diagnostik und Behandlung der Insomnie; systematisiert die kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung und bildet die Grundlage des Insomnia Severity Index (ISI).

Meta-Analysen

van Straten A, van der Zweerde T, Kleiboer A, Cuijpers P, Morin CM, Lancee J (2018). Cognitive and behavioral therapies in the treatment of insomnia: A meta-analysis. Sleep Medicine Reviews.
g = 0.98 (ISI)DOI
KVT-I zeigt große Effekte auf die Insomnie-Schwere (ISI) sowie bedeutsame Verbesserungen von Einschlaflatenz, nächtlicher Wachzeit und Schlafeffizienz.
Trauer JM, Qian MY, Doyle JS, Rajaratnam SMW, Cunnington D (2015). Cognitive Behavioral Therapy for Chronic Insomnia: A Systematic Review and Meta-analysis. Annals of Internal Medicine.
KVT-I verbessert bei chronischer Insomnie Einschlaflatenz, nächtliche Wachzeit und Schlafeffizienz klinisch bedeutsam; die Effekte bleiben nach Behandlungsende erhalten — ohne die Risiken einer Pharmakotherapie.

Praxisleitfäden

Spiegelhalder K, Backhaus J, Riemann D (2011). Schlafstörungen. Hogrefe.
Kompaktes Behandlungsmanual aus der Reihe 'Fortschritte der Psychotherapie': Diagnostik, Störungsmodell und die KVT-I-Module (Stimuluskontrolle, Schlafrestriktion, kognitive Techniken) praxisnah aufbereitet.
Müller T, Paterok B (2010). Schlaf erfolgreich trainieren. Hogrefe.
Strukturiertes Schlaftrainingsprogramm auf KVT-I-Basis (Schlafrestriktion, Stimuluskontrolle, kognitive Techniken) — als Gruppenprogramm und begleitende Selbsthilfe in der Einzeltherapie einsetzbar.