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F20
Psychotische Störungen

Schizophrenie & Psychosen

Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen

Lebenszeitprävalenz: ~1%

2-3 Seiten Zusammenfassung

Überblick

Schizophrenie und die verwandten psychotischen Störungen (F20-F25) bilden eine Störungsgruppe, die durch drei Symptomdomänen gekennzeichnet ist: Positivsymptomatik (Wahn, Halluzinationen, Ich-Störungen wie Gedankeneingebung oder Fremdbeeinflussungserleben), Negativsymptomatik (Affektverflachung, Antriebsminderung, Sprachverarmung, sozialer Rückzug) und kognitive Beeinträchtigungen (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, exekutive Funktionen). Das klinische Bild ist heterogen — von der paranoiden Verlaufsform mit Wahn und Stimmenhören bis zu Verläufen, in denen Negativsymptomatik und kognitive Einbußen im Vordergrund stehen. Für die psychotherapeutische Praxis zentral: Antipsychotika sind die Behandlungsgrundlage; Psychotherapie — allen voran die Kognitive Verhaltenstherapie für Psychosen (KVT-P) und Familieninterventionen — wirkt ergänzend, nicht ersetzend. Abzugrenzen sind innerhalb der Gruppe die anhaltende wahnhafte Störung (F22), die akute vorübergehende psychotische Störung (F23) und die schizoaffektive Störung (F25).

ICD-10
F20 (Schizophrenie), F22, F23, F25
Häufigkeit
Lebenszeitprävalenz ca. 1%
Geschlechterverhältnis
Männer etwas häufiger, früherer Erkrankungsbeginn
Erstmanifestation
Meist 15.-35. Lebensjahr
Vollremission nach Erstepisode
Ca. 20% der Betroffenen
Suizidrisiko
Deutlich erhöht — Lebenszeit-Suizidrate ca. 5%
Erstlinientherapie
Antipsychotika + KVT-P und Familieninterventionen (A)

Prävalenz

Gesamt: Lebenszeitprävalenz der Schizophrenie: ca. 1% — über Länder und Kulturen hinweg bemerkenswert stabil.
Geschlecht: Männer sind etwas häufiger betroffen und erkranken im Mittel früher als Frauen.
Alter: Erstmanifestation meist zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr — häufig nach einer mehrmonatigen bis mehrjährigen Prodromalphase mit unspezifischen Veränderungen (Rückzug, Leistungsknick, Misstrauen).
Trend: Die Prävalenz ist stabil. Versorgungsrelevant ist weniger eine Zunahme als die Duration of Untreated Psychosis (DUP): Je länger eine Psychose unbehandelt bleibt, desto ungünstiger die Prognose — Früherkennung und rasche Behandlungseinleitung sind deshalb zentral.

Verlauf & Prognose

Der Verlauf ist ausgesprochen heterogen: Etwa 20% der Betroffenen erreichen nach einer Erstepisode eine Vollremission, andere erleben episodische Verläufe mit weitgehender Erholung zwischen den Episoden, wieder andere entwickeln Residualzustände mit überdauernder Negativsymptomatik und kognitiven Einbußen. Prognostisch bedeutsam ist die Duration of Untreated Psychosis (DUP): Eine kurze unbehandelte Psychosedauer verbessert die Aussichten — deshalb gehören Früherkennung und rasche Behandlungseinleitung zu den wirksamsten Hebeln. Nach Remission ist die Rückfallprophylaxe das zentrale Behandlungsthema: antipsychotische Erhaltungsmedikation (nach Erstepisode mindestens 1 Jahr), individuelles Frühwarnzeichen-Profil und Reduktion von Stressoren, insbesondere eines hoch-emotionalen Familienklimas (High Expressed Emotion) und von Cannabiskonsum. Das Suizidrisiko ist deutlich erhöht (Lebenszeit-Suizidrate ca. 5%) — besonders in postakuten Phasen, wenn mit zurückkehrender Krankheitseinsicht die Tragweite der Erkrankung erlebbar wird, sowie bei postpsychotischer Depression. Suizidalität deshalb gerade nach Abklingen der Akutsymptomatik aktiv und wiederholt explorieren.

Subtypen

F20.0
Paranoide Schizophrenie
Häufigste Verlaufsform: Wahn (v.a. Verfolgungs- und Beziehungswahn) und akustische Halluzinationen stehen im Vordergrund; Negativsymptomatik und formale Denkstörungen sind weniger ausgeprägt.
F20.1
Hebephrene Schizophrenie
Beginn meist im Jugend- und frühen Erwachsenenalter: Affektverflachung oder läppisch-inadäquater Affekt, desorganisiertes Denken und Verhalten; Wahn und Halluzinationen flüchtig. Eher ungünstige Prognose.
F20.2
Katatone Schizophrenie
Psychomotorische Störungen dominieren: Stupor, Haltungsstereotypien, Negativismus, Erregungszustände. Katatonie ist potenziell lebensbedrohlich (maligne/febrile Verläufe) — notfallmedizinische bzw. stationäre Abklärung.
F20.3
Undifferenzierte Schizophrenie
Die allgemeinen Schizophrenie-Kriterien sind erfüllt, ohne dass das Bild eindeutig einer der spezifischen Verlaufsformen zugeordnet werden kann.
F20.4
Postschizophrene Depression
Depressive Episode im Anschluss an eine schizophrene Erkrankung, während einzelne schizophrene Symptome noch vorhanden sind. Klinisch bedeutsam wegen des erhöhten Suizidrisikos in dieser Phase.
F20.5
Schizophrenes Residuum
Chronisches Stadium mit überdauernder Negativsymptomatik (Antriebsminderung, sozialer Rückzug, Affektverflachung) nach mindestens einer eindeutigen psychotischen Episode.
F20.6
Schizophrenia simplex
Schleichende Entwicklung von Negativsymptomatik und sozialem Abstieg ohne vorausgegangene produktiv-psychotische Symptome. Seltene, diagnostisch zurückhaltend zu stellende Kategorie.
F22
Anhaltende wahnhafte Störung
Einzelner Wahn oder Wahnsystem (z.B. Verfolgungs-, Eifersuchts-, hypochondrischer Wahn) über mindestens 3 Monate als einziges oder auffälligstes Symptom — ohne die für F20 typischen Erstrangsymptome, anhaltenden Halluzinationen oder Negativsymptomatik.
F23
Akute vorübergehende psychotische Störung
Akuter Beginn (innerhalb von 2 Wochen) psychotischer Symptomatik, oft nach Belastung, mit vollständiger Rückbildung innerhalb weniger Wochen bis Monate. Hält die Symptomatik länger als 1 Monat an, ist die Diagnose in Richtung F20 zu revidieren.
F25
Schizoaffektive Störung
Gleichzeitig und gleichgewichtig ausgeprägte schizophrene und affektive Symptomatik (manisch, depressiv oder gemischt) in derselben Krankheitsepisode — weder F20 noch einer affektiven Störung eindeutig zuzuordnen.

Komorbiditäten

F1xSubstanzstörungen, insbesondere Cannabis (daneben Alkohol, Stimulanzien, Nikotin)Häufig
F32Depressive Episoden, insbesondere postpsychotische Depression (F20.4)Häufig
F41Angststörungen (Panikstörung, soziale Ängste, generalisierte Angst)Gelegentlich

Diagnostik

ICD-10-Kriterien

Hauptkriterien

  • Symptomgruppe 1 — mindestens ein eindeutiges Symptom: Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung, Gedankenentzug oder Gedankenausbreitung
  • Symptomgruppe 1: Kontrollwahn, Beeinflussungswahn, Gefühl des Gemachten (bezogen auf Körperbewegungen, Gedanken, Tätigkeiten oder Empfindungen) oder Wahnwahrnehmung
  • Symptomgruppe 1: Kommentierende oder dialogisierende Stimmen, die über die Patient:in sprechen, oder Stimmen, die aus einem Körperteil kommen
  • Symptomgruppe 1: Anhaltender, kulturell unangemessener oder völlig unrealistischer (bizarrer) Wahn (z.B. das Wetter kontrollieren zu können oder mit Außerirdischen in Verbindung zu stehen)

Zusatzkriterien

  • Symptomgruppe 2: Anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität, begleitet von flüchtigen Wahngedanken ohne deutliche affektive Beteiligung oder von überwertigen Ideen, oder täglich über Wochen auftretend
  • Symptomgruppe 2: Gedankenabreißen oder Einschiebungen in den Gedankenfluss, was zu Zerfahrenheit, Danebenreden oder Neologismen führt
  • Symptomgruppe 2: Katatone Symptome wie Erregung, Haltungsstereotypien, wächserne Biegsamkeit, Negativismus, Mutismus und Stupor
  • Symptomgruppe 2: Negative Symptome wie auffällige Apathie, Sprachverarmung, verflachte oder inadäquate Affekte (nicht durch Depression oder Medikation verursacht)
Erforderlich
Mindestens ein eindeutiges Symptom aus Gruppe 1 (bei weniger eindeutiger Ausprägung: zwei oder mehr) ODER mindestens zwei Symptome aus Gruppe 2 — während der meisten Zeit innerhalb eines Zeitraums von mindestens 1 Monat.
Dauer
Symptomatik über mindestens 1 Monat (fast ständig). Bei kürzerer Dauer ist zunächst eine akute vorübergehende psychotische Störung (F23) zu diagnostizieren.

Schweregrade

F20.0Paranoide SchizophrenieWahn und (v.a. akustische) Halluzinationen im Vordergrund; häufigste Verlaufsform
F20.1Hebephrene SchizophrenieAffekt-, Denk- und Verhaltensdesorganisation im Vordergrund; Beginn meist im Jugendalter
F20.2Katatone SchizophreniePsychomotorische Symptome (Stupor, Erregung, Haltungsstereotypien, Negativismus) — potenziell lebensbedrohlich (maligne Katatonie)
F20.3Undifferenzierte SchizophrenieAllgemeine Kriterien erfüllt, keine eindeutige Zuordnung zu einer spezifischen Verlaufsform
F20.4Postschizophrene DepressionDepressive Episode im Anschluss an eine schizophrene Erkrankung bei noch vorhandener Restsymptomatik — erhöhtes Suizidrisiko
F20.5Schizophrenes ResiduumChronisches Stadium mit überdauernder Negativsymptomatik nach mindestens einer psychotischen Episode
F20.6Schizophrenia simplexSchleichende Negativsymptomatik und sozialer Abstieg ohne vorausgegangene produktive Symptome — zurückhaltend zu diagnostizieren

Screening-Instrumente

PANSSPositive and Negative Syndrome Scale
30 Items
Cut-off: Kein diagnostischer Cutoff — Fremdrating zur Schweregrad- und Verlaufsmessung mit Positiv-, Negativ- und Allgemeinpsychopathologie-Skala (je 7-stufig pro Item)
Sens.: Entfällt (Fremdrating zur Schweregrad-/Verlaufsmessung, kein Fallidentifikations-Screening)
Spez.: Entfällt (Fremdrating zur Schweregrad-/Verlaufsmessung, kein Fallidentifikations-Screening)
BPRSBrief Psychiatric Rating ScaleFrei verfügbar
18 Items
Cut-off: Kein diagnostischer Cutoff — kurzes Fremdrating der allgemeinen Psychopathologie (Originalversion 18 Items; erweiterte 24-Item-Version gebräuchlich)
Sens.: Entfällt (Fremdrating zur Schweregrad-/Verlaufsmessung, kein Fallidentifikations-Screening)
Spez.: Entfällt (Fremdrating zur Schweregrad-/Verlaufsmessung, kein Fallidentifikations-Screening)
PQ-16Prodromal Questionnaire, 16-Item-VersionFrei verfügbar
16 Items
Cut-off: ≥ 6 bejahte Items
Sens.: Gut geeignet als Selbstbericht-Screening auf Prodromal- bzw. Ultra-High-Risk-Zustände in hilfesuchenden Stichproben
Spez.: Positive Screenings sind kein Diagnosenachweis — vertiefte Abklärung, idealerweise in einem Früherkennungszentrum

Differentialdiagnosen

F23
Akute vorübergehende psychotische StörungAkuter Beginn (innerhalb von 2 Wochen), oft nach akuter Belastung, Dauer unter 1 Monat mit vollständiger Rückbildung. Persistiert die Symptomatik länger als 1 Monat, ist die Diagnose in Richtung F20 zu revidieren.
F25
Schizoaffektive StörungSchizophrene und affektive Symptomatik treten in derselben Episode gleichzeitig und annähernd gleichgewichtig auf. Bei F20 dominiert die psychotische Kernsymptomatik; affektive Symptome sind sekundär oder zeitlich nachgeordnet (z.B. postschizophrene Depression F20.4).
F22
Anhaltende wahnhafte StörungNicht-bizarrer, oft systematisierter Wahn als einziges oder auffälligstes Symptom über mindestens 3 Monate — ohne Erstrangsymptome, ohne anhaltende Halluzinationen und ohne relevante Negativsymptomatik; Persönlichkeit und Funktionsniveau bleiben außerhalb des Wahnthemas weitgehend erhalten.
F1x.5
Substanzinduzierte psychotische StörungEnger zeitlicher Zusammenhang mit Substanzkonsum (v.a. Cannabis, Amphetamine, Kokain, Halluzinogene) und Rückbildung nach Abstinenz. Sorgfältige Konsumanamnese plus Drogenscreening; bei fortbestehender Psychose trotz gesicherter Abstinenz Diagnose in Richtung F20 prüfen. Komorbider Konsum bei F20 ist häufig — beide Diagnosen sind kein Widerspruch.
F06.2
Organische wahnhafte (schizophreniforme) StörungPsychotische Symptomatik als Folge einer organischen Grunderkrankung (Epilepsie, Enzephalitis — inkl. NMDA-Rezeptor-Autoimmunenzephalitis —, Raumforderung, endokrine Störungen). Bei jeder Erstmanifestation somatische Abklärung mit Labor, Drogenscreening und zerebraler Bildgebung; Warnhinweise sind atypisches Alter, neurologische Auffälligkeiten, Bewusstseins- oder Orientierungsstörungen und rasche Progredienz.
F31/F32
Affektive Störung mit psychotischen SymptomenWahn und Halluzinationen treten ausschließlich im Rahmen ausgeprägter affektiver Episoden auf und sind häufig stimmungskongruent (Schuld-, Verarmungs-, Größenwahn). Die affektive Symptomatik ging der Psychose voraus und dominiert das Bild.
F21/F60.30
Schizotype Störung / Cluster-A- und Borderline-PersönlichkeitszügeÜberdauernde Exzentrizität, Beziehungsideen, magisches Denken oder (bei Borderline) flüchtige, belastungsabhängige paranoide oder dissoziative Phänomene — ohne eindeutige, anhaltende psychotische Episoden im Sinne der F20-Kriterien.

Red Flags

  • Akute Eigen- oder Fremdgefährdung, insbesondere imperative Stimmen mit Handlungsaufforderungen — Gefährdung direkt explorieren (Was sagen die Stimmen? Wie schwer fällt es, ihnen nicht zu folgen?), Notfallpfad aktivieren, stationäre Einweisung prüfen
  • Katatonie ist potenziell lebensbedrohlich: Stupor, Nahrungs- und Flüssigkeitsverweigerung, Fieber und autonome Instabilität (maligne/febrile Katatonie) erfordern sofortige notfallmedizinische bzw. stationäre Behandlung
  • Erstmanifestation ohne somatische Abklärung — vor der Diagnose F20 gehören körperlich-neurologische Untersuchung, Labor, Drogenscreening und zerebrale Bildgebung zur Basisdiagnostik; bei entsprechenden Hinweisen Autoimmunenzephalitis (NMDA-Rezeptor-Antikörper) ausschließen
  • Hohes Suizidrisiko in postakuten Phasen: Mit zurückkehrender Krankheitseinsicht und bei postpsychotischer Depression steigt die Suizidgefahr — Suizidalität gerade nach Abklingen der Positivsymptomatik aktiv und wiederholt explorieren, Sicherheitsplan erstellen

Therapieansätze

Erste Wahl

KVTEvidenz AWirksam auf persistierende Positivsymptomatik (adjuvant)

Gemeint ist hier die Kognitive Verhaltenstherapie für Psychosen (KVT-P): Sie soll allen Patient:innen mit Schizophrenie angeboten werden (Empfehlungsgrad A) — mit einer empfohlenen Dosis von mindestens 16 Sitzungen und ausdrücklich auch bei persistierender Positivsymptomatik unter laufender Medikation. Kernelemente sind Beziehungsaufbau mit normalisierendem Gesprächsstil, ein gemeinsames Störungsmodell (Stress-Vulnerabilität), die Arbeit an Wahnüberzeugungen über geleitetes Entdecken statt Konfrontation, Coping bei Stimmenhören und Rückfallprophylaxe. Gleichrangig auf A-Niveau empfiehlt die S3-Leitlinie Familieninterventionen mit Angehörigen-Psychoedukation, die Rückfallraten deutlich senken — sie sind kein eigenes Verfahren dieser Übersicht und deshalb als vollständige Intervention in der Interventionen-Sektion sowie in den Leitlinien-Empfehlungen ausgearbeitet.

Quelle: S3-LL Schizophrenie (AWMF 038-009)

Pharmakotherapie

Indikation: Antipsychotika sind die Behandlungsgrundlage in Akutphase und Rückfallprophylaxe; Psychotherapie erfolgt ergänzend, nicht ersetzend. Die medikamentöse Führung gehört in fachärztlich-psychiatrische Hand — enge Kooperation zwischen Psychotherapie und verordnender Ärzt:in ist Standard. Nach einer Erstepisode wird eine antipsychotische Erhaltungsmedikation über mindestens 1 Jahr empfohlen.

Mittel der Wahl: Risperidon, Amisulprid, Olanzapin (Cave: metabolische Nebenwirkungen), Aripiprazol

Clozapin bei Therapieresistenz (nach zwei adäquaten, erfolglosen Behandlungsversuchen mit unterschiedlichen Antipsychotika). Regelmäßiges Monitoring gehört zur Behandlung: metabolische Parameter, extrapyramidal-motorische Symptome (EPS), unter Clozapin engmaschige Blutbildkontrollen (Agranulozytose-Risiko).

Spezielle Populationen

Ersterkrankte: Antipsychotika in der Regel niedriger dosieren als bei Mehrfacherkrankten — Ersterkrankte sprechen häufig auf geringere Dosen an und sind nebenwirkungsempfindlicher. Frühintervention priorisieren: Die Duration of Untreated Psychosis (DUP) ist prognoserelevant, daher rasche Behandlungseinleitung, ggf. Anbindung an ein Früherkennungs-/Frühbehandlungszentrum. Psychoedukation und Angehörigenarbeit von Beginn an einbeziehen.
Komorbider Cannabiskonsum: Konsumreduktion ist prognoseentscheidend: Fortgesetzter Cannabiskonsum erhöht Rückfallrisiko und verschlechtert den Verlauf. Motivierende Gesprächsführung statt Konfrontation; die Funktion des Konsums (Selbstmedikation gegen Anspannung, Langeweile, Negativsymptomatik) explorieren und Alternativen aufbauen; Abstinenz- bzw. Reduktionsziele in die Rückfallprophylaxe integrieren.
Ältere Patient:innen: Bei psychotischer Erstsymptomatik im höheren Lebensalter differentialdiagnostisch immer an ein Delir sowie an organische Ursachen (Demenz, Medikamenteninteraktionen, internistische Erkrankungen) denken — sorgfältige somatische Abklärung vor der Diagnose. Antipsychotika vorsichtig dosieren (erhöhte Empfindlichkeit für EPS und anticholinerge Effekte).

Interventionen & Übungen

Arbeitsblätter

Empfohlene Arbeitsblätter

Stimmen-Hörer-Tagebuch
Vorhandenes Tagebuch zur systematischen Selbstbeobachtung des Stimmenhörens: Basis der Coping-Arbeit und der Exploration der Beziehung zur Stimme. Wird durch das strukturierte Stimmentagebuch (siehe neues Arbeitsblatt) mit Belastungsrating und Bewältigungsspalte ergänzt.
Phase: Arbeitsphase — Stimmenhören
Persönlicher Notfallplan bei Krisen
Individueller Krisenplan mit Warnsignalen, abgestuften Handlungsschritten und Notfallkontakten — bei Psychosen früh erstellen und mit Angehörigen sowie der behandelnden Fachärzt:in abstimmen.
Phase: Anfangsphase — Krisenprophylaxe
Rückfallpräventionsplan
Schriftliche Verankerung des individuellen Prodrom-Profils: Frühwarnzeichen (Schlafstörungen, Misstrauen, Rückzug, Reizoffenheit), Risikosituationen (Stress, Schlafmangel, Cannabiskonsum, Absetzimpulse) und konkrete Gegenmaßnahmen.
Phase: Abschlussphase — Rückfallprophylaxe
Sicherheitsplan - Suizidpraevention (nach Stanley & Brown)
Das Suizidrisiko ist deutlich erhöht, besonders in postakuten Phasen mit zurückkehrender Krankheitseinsicht und bei postpsychotischer Depression. Der 6-Stufen-Sicherheitsplan nach Stanley & Brown strukturiert Warnsignale, Bewältigungsstrategien und Notfallkontakte; bei imperativen Stimmen obligat prüfen.
Phase: Bei Indikation — Suizidprävention
Medikations-Tagebuch
Antipsychotika sind die Behandlungsgrundlage — das Tagebuch dokumentiert Einnahme, Wirkung und Nebenwirkungen (Sedierung, EPS, Gewichtszunahme) und liefert die Datenbasis für Adhärenz-Arbeit und die Rückmeldung an die verordnende Fachärzt:in.
Phase: Durchgehend — Adhärenz
Wochenprotokoll angenehmer Aktivitäten
Grundlage der abgestuften Aktivierung bei Antriebsminderung und Rückzug: Ist-Niveau erfassen, Mini-Schritte planen, Fortschritte sichtbar machen. Cave: Aktivierungsumfang an der Belastbarkeit ausrichten — Überstimulation kann destabilisieren.
Phase: Arbeitsphase — Negativsymptomatik
Verhaltensexperiment-Planung
Strukturierte Planung von Verhaltensexperimenten an Randüberzeugungen (peripherer Einstieg): Vorhersage, Durchführung, Beobachtung und gemeinsame Auswertung — geleitetes Entdecken statt konfrontativem Disputieren.
Phase: Arbeitsphase — Wahnarbeit
Soziales Kompetenztraining - Übungsprotokoll
Übungsprotokoll für das Soziale Kompetenztraining (Empfehlungsgrad B): Aufbau sozialer Fertigkeiten gegen Rückzug und zur Unterstützung von Teilhabe in Ausbildung, Arbeit und Beziehungen.
Phase: Arbeitsphase — soziale Reintegration
Therapie-Tools Psychosen
Störungsspezifische Arbeitsblattsammlung zu Psychoedukation, Symptombewältigung und Rückfallprophylaxe bei Psychosen — Fundus für die Sitzungsvorbereitung.
Phase: Durchgehend — Materialsammlung

Weitere Arbeitsblätter

StimmentagebuchEvidenz B

Strukturiertes Protokoll für die KVT-P-Arbeit am Stimmenhören: erfasst Situation und Auslöser, den Inhalt der Stimme, die Belastung (0-10), die eigene Reaktion und hilfreiche Bewältigungsstrategien. Macht Muster sichtbar (wann treten die Stimmen auf, was mildert sie) und baut Schritt für Schritt ein persönliches Coping-Repertoire auf. Grundlage für die Exploration der Beziehung zur Stimme in der Sitzung.

Spalten: Datum/Uhrzeit • Situation/Auslöser • Was sagt die Stimme? • Belastung (0-10) • Meine Reaktion • Was hat geholfen?

Entspannungsverfahren

Spezifische Techniken

5-4-3-2-1-Erdungsübung

Strukturierte Wahrnehmungsübung, die die Aufmerksamkeit über die fünf Sinne systematisch in das Hier und Jetzt lenkt: fünf Dinge sehen, vier hören, drei fühlen, zwei riechen, eines schmecken. Bei beginnender Derealisation, aufsteigender Anspannung oder belastendem Stimmenhören unterbricht sie die Fokussierung auf das Symptomerleben und verankert im äußeren, konkreten Umfeld — kurz, aktiv und mit offenen Augen durchführbar.

  1. 1.Aufrecht hinsetzen oder hinstellen, beide Füße bewusst auf den Boden bringen, Augen offen lassen
  2. 2.5 Dinge benennen, die Sie sehen können — konkret und laut oder innerlich ('graue Jacke, Fensterrahmen, ...')
  3. 3.4 Dinge benennen, die Sie hören können (Verkehr, eigene Atmung, Stimmen anderer Menschen im Raum)
  4. 4.3 Dinge benennen, die Sie körperlich spüren (Füße am Boden, Stuhlkante, Stoff auf der Haut)
  5. 5.2 Dinge benennen, die Sie riechen können (oder an deren Geruch Sie sich gut erinnern)
  6. 6.1 Sache benennen, die Sie schmecken können — anschließend einen langsamen, tiefen Atemzug nehmen
  7. 7.Bei Bedarf die Runde wiederholen; danach einer einfachen, konkreten Tätigkeit zuwenden

Evidenz: Etablierte Stabilisierungs- und Erdungstechnik (klinischer Konsens); passt zu der Empfehlung, bei Psychosen kurze, strukturierte, körperbezogene Formate einzusetzen.

Kurze, strukturierte Formate statt langer stiller Meditation

Grundregel für Entspannungsverfahren bei psychotischen Störungen: Intensive achtsamkeitsbasierte Übungen mit langen Stilleanteilen und offener, nach innen gerichteter Aufmerksamkeit (lange Body-Scans, stille Sitzmeditation, Retreat-Formate) können bei floridem Erleben Halluzinationen und Wahnerleben verstärken. Bevorzugt werden kurze, klar angeleitete, körperbezogene Formate mit äußerem Anker — PMR-Kurzformen, Atemübungen, Erdungstechniken.

  1. 1.Format prüfen: kurz (unter 10-15 Min.), fortlaufend angeleitet, konkreter Körper- oder Außenbezug — keine lange Stille, keine 'offene Weite'
  2. 2.Übungen zunächst gemeinsam in der Sitzung durchführen und die Reaktion beobachten, bevor sie als Selbstanwendung vereinbart werden
  3. 3.Augen nach Präferenz offen lassen — das erleichtert die Verankerung im Außen
  4. 4.Abbruchkriterium vorab vereinbaren: Bei zunehmender Anspannung, aufkommenden Stimmen oder Entfremdungserleben die Übung beenden und zu einer konkreten Alltagstätigkeit oder Erdungsübung wechseln
  5. 5.Wirkung kurz dokumentieren (z.B. Anspannung 0-10 vor/nach) und nur die Formate beibehalten, die erkennbar beruhigen
  6. 6.In floriden Akutphasen auf neue Übungsformate verzichten — Sicherheit, Reizreduktion und medikamentöse Behandlung haben Vorrang

Evidenz: Klinischer Konsens in der KVT-P-Literatur: körperbezogene Kurzformate mit fortlaufender Anleitung gelten als sicherer als lange stille Innenschau-Formate bei floridem psychotischem Erleben.

Muster & Fallstricke

Typische Muster

Rückzug nach der Erstepisode aus Angst vor Stigma

Nach einer ersten psychotischen Episode ziehen sich viele Betroffene aus Scham und Angst vor Stigmatisierung zurück — Kontakte werden gemieden, Ausbildung oder Arbeit nicht wieder aufgenommen, die Diagnose wird verheimlicht. Der Rückzug wird leicht als Negativsymptomatik fehlgedeutet, ist aber oft eine verständliche Reaktion auf ein als katastrophal erlebtes Ereignis und auf reale Stigma-Erfahrungen.

Beispiel: Ein 22-jähriger Student bricht nach der Entlassung aus der Klinik den Kontakt zu seiner Lerngruppe ab: 'Wenn die erfahren, dass ich in der Psychiatrie war, bin ich unten durch.' Er verlässt die Wohnung nur noch für das Nötigste.
Intervention: Psychoedukative Entkatastrophisierung: realistische Verlaufsinformationen vermitteln (u.a. dass ein relevanter Teil der Ersterkrankten voll remittiert), Stigma-Ängste konkret besprechen und abgestufte Strategien für Offenlegung entwickeln (wem sage ich was?). Peer-Angebote und Genesungsbegleitung vermitteln — der Kontakt zu anderen Betroffenen wirkt gegen Scham und Hoffnungslosigkeit. Soziale Schritte kleinschrittig und dosiert planen.

Absetzen der Antipsychotika bei Remission

Wenn die Symptome abgeklungen sind, erscheint die Medikation überflüssig — dahinter stehen Nebenwirkungen (Gewichtszunahme, Sedierung, EPS), Stigma und der verständliche Wunsch, 'wieder normal' zu sein. Das eigenmächtige Absetzen gehört zu den häufigsten vermeidbaren Rückfallgründen, gerade im ersten Jahr nach der Episode.

Beispiel: Eine Patientin halbiert drei Monate nach der Entlassung heimlich ihre Dosis: 'Ich merke ja nichts mehr, und ich will nicht mein Leben lang Tabletten nehmen.' Sechs Wochen später kehren Misstrauen und Schlafstörungen zurück.
Intervention: Adhärenzarbeit mit motivierender Gesprächsführung statt Überzeugungsdruck: Ambivalenz normalisieren, Nebenwirkungen ernst nehmen und aktiv in die fachärztliche Sprechstunde tragen (Präparatewechsel und Dosisanpassung sind oft möglich). Gemeinsame Bilanz anhand des bisherigen Verlaufs erarbeiten; die Leitlinien-Empfehlung (Erhaltungsmedikation nach Erstepisode mindestens 1 Jahr) transparent machen. Absetzimpulse als Frühwarnzeichen in den Rückfallprophylaxe-Plan aufnehmen — nie abruptes Absetzen in Eigenregie.

High Expressed Emotion im Familienumfeld

Ein Familienklima mit viel Kritik, Feindseligkeit oder emotionalem Überengagement (High Expressed Emotion) ist ein etablierter Rückfallprädiktor. Es entsteht meist nicht aus bösem Willen, sondern aus Überforderung: Angehörige deuten Negativsymptomatik als Faulheit, kontrollieren aus Angst vor dem Rückfall oder opfern sich auf — und erhöhen damit ungewollt den Stresspegel der Patient:in.

Beispiel: Die Mutter eines Patienten weckt ihn mehrfach täglich, kommentiert jede Inaktivität ('Du musst dich doch mal zusammenreißen') und begleitet ihn zu jedem Termin. Der Patient reagiert mit wachsender Anspannung und zieht sich weiter zurück.
Intervention: Familienintervention mit Angehörigen-Psychoedukation (Empfehlungsgrad A): Negativsymptomatik als Symptom erklären, die Überforderung der Angehörigen anerkennen und entlasten, Kommunikationstraining (kurze, konkrete, nicht wertende Botschaften) und gemeinsames Problemlösen. Realistische Erwartungen an das Genesungstempo erarbeiten; Angehörigengruppen vermitteln.

Cannabiskonsum als Selbstmedikation

Viele Patient:innen konsumieren Cannabis gegen Anspannung, Langeweile, Schlafprobleme oder das Leeregefühl der Negativsymptomatik — kurzfristig entlastend, langfristig einer der wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren für Rückfälle und ungünstige Verläufe. Konfrontative Abstinenzforderungen führen häufig zu Verheimlichung statt Veränderung.

Beispiel: Ein Patient berichtet beiläufig, er rauche abends 'zum Runterkommen' zwei Joints: 'Das ist das Einzige, was mich entspannt. Von dem Zeug vom Arzt werde ich nur dick.'
Intervention: Motivierende Gesprächsführung: die Funktion des Konsums würdigen und explorieren, Diskrepanz zu eigenen Zielen entwickeln (Ausbildung, Führerschein, keine Klinik mehr), Konsum im Zusammenhang mit Symptomverlauf gemeinsam beobachten. Alternativen für die Konsumfunktion aufbauen (Entspannungsverfahren, Schlafhygiene, Aktivitäten); Reduktionsziele akzeptieren, wo Abstinenz (noch) nicht erreichbar ist. Konsum als Risikofaktor in den Rückfallprophylaxe-Plan aufnehmen.

Therapeutische Fallstricke

Konfrontatives Disputieren des Wahns
Folge: Logisches Dagegen-Argumentieren stellt die Patient:in vor die Wahl, den Therapeuten oder die eigene Wahrnehmung zu verwerfen — meist verliert der Therapeut: Die Überzeugung verfestigt sich, die Patient:in verstummt oder bricht die Behandlung ab (Beziehungsabbruch-Risiko).
An der Erfahrung andocken statt am Wahrheitsgehalt: Belastung und Alltagsfolgen fokussieren, Überzeugungsgrad erfragen, peripher an Randüberzeugungen mit geleitetem Entdecken und gemeinsamen Verhaltensexperimenten arbeiten. Die Beziehung hat immer Vorrang vor der 'Korrektur' einer Überzeugung.
Negativsymptomatik als 'Faulheit' fehlinterpretieren
Folge: Appelle ('Sie müssen sich mehr anstrengen') beschämen und überfordern; die Patient:in erlebt erneut Versagen, zieht sich weiter zurück — und das Umfeld fühlt sich in seiner Kritik bestätigt. Zudem werden behandelbare Ursachen (postpsychotische Depression, Medikamenten-Nebenwirkung) übersehen.
Antriebsminderung differenzialdiagnostisch klären (Negativsymptom vs. Depression vs. Sedierung/EPS) und als Symptom rahmen — auch gegenüber Angehörigen. Abgestufte Aktivierung mit sehr kleinen Schritten; Erfolg über Machbarkeit definieren, nicht über Umfang.
Überstimulation durch zu ambitionierte Therapieziele
Folge: Ein zu dichtes Programm (Vollzeitarbeit, intensive Exposition, viele parallele Veränderungen) übersteigt die Belastungsschwelle — nach der Stress-Vulnerabilitäts-Logik steigt das Rückfallrisiko, und gescheiterte Ziele nähren Hoffnungslosigkeit auf beiden Seiten.
Ziele an der aktuellen Belastbarkeit ausrichten und in kleine Schritte zerlegen; Belastungsreaktionen (Schlaf, Anspannung, beginnende Symptome) fortlaufend monitoren und den Umfang bei Warnzeichen reduzieren statt steigern. Rehabilitationsschritte (Arbeit, Ausbildung) gestuft planen.
Psychotherapeutischer Nihilismus ('Psychose = nur Medikation')
Folge: Patient:innen mit Schizophrenie erhalten trotz klarer Leitlinienempfehlung oft keine Psychotherapie — wirksame Interventionen (KVT-P, Familieninterventionen, Rückfallprophylaxe) unterbleiben, persistierende Symptome und psychosoziale Folgen bleiben unbehandelt.
Die Evidenz ernst nehmen: KVT-P und Familieninterventionen tragen Empfehlungsgrad A und sollen angeboten werden — auch und gerade bei persistierender Positivsymptomatik unter Medikation. Psychotherapie als festen Bestandteil des Gesamtbehandlungsplans etablieren, in enger Kooperation mit der fachärztlichen Behandlung.

Gegenübertragung

Verunsicherung und Angst bei bizarrer Symptomatik: Bizarre Wahninhalte, Ich-Störungen oder unvermittelte Anspannung können eigene Angst und Fremdheitsgefühle auslösen — mit der Folge von Vermeidung, Übervorsicht oder vorschneller Verlegung in rein medikamentöse Behandlung. Hilfreich: das Befremden als Information nutzen und benennen lernen, Sicherheit über Struktur herstellen (klarer Sitzungsrahmen, konkrete Themen), reale Risiken nüchtern einschätzen (Gefährdung ist die Ausnahme, nicht die Regel) und die Fälle regelmäßig in Inter- oder Supervision besprechen.
Hoffnungslosigkeit bei chronischen Verläufen: Bei Residualsymptomatik und wiederholten Rückfällen kann sich therapeutische Resignation einschleichen ('Da ist nichts mehr zu machen') — sie überträgt sich auf Patient:in und Angehörige. Gegenmittel: Recovery-Orientierung mit realistischen, persönlich bedeutsamen Zielen (Teilhabe, Lebensqualität) statt Symptomfreiheit als einzigem Maßstab; kleine Fortschritte explizit würdigen; die eigene Erwartung in Supervision prüfen — Hoffnungslosigkeit ist häufiger ein Übertragungsphänomen als eine Prognose.
Überfürsorglichkeit: Der Impuls, Patient:innen mit Psychose alles abzunehmen und vor jeder Belastung zu schützen, ist verbreitet — er spiegelt oft das High-EE-Muster des Umfelds und untergräbt Selbstwirksamkeit und Autonomie. Hilfreich: Zutrauen dosiert ausdrücken, Entscheidungen so weit wie möglich bei der Patient:in lassen (Shared Decision-Making), eigene Schutzimpulse als Hinweis auf unausgesprochene Risikoeinschätzungen prüfen und diese offen besprechen statt stellvertretend zu handeln.

Leitlinien

S3-Leitlinie Schizophrenie

Version 2019 (Langfassung) • AWMF 038-009
Zur Leitlinie →

Kernempfehlungen

A
Kognitive Verhaltenstherapie für Psychosen (KVT-P) soll allen Patient:innen mit Schizophrenie angeboten werden — mit einer Behandlungsdosis von mindestens 16 Sitzungen, auch bei persistierender Positivsymptomatik unter laufender antipsychotischer Medikation.
Metaanalytisch belegte Wirksamkeit auf Positivsymptomatik (u.a. Wykes et al. 2008; Bighelli et al. 2018)
A
Familieninterventionen mit Angehörigen-Psychoedukation sollen zur Rückfallprophylaxe angeboten werden — sie senken die Rückfallraten deutlich.
Metaanalytische Evidenz zur Reduktion von Rückfällen und Rehospitalisierungen (u.a. Pitschel-Walz et al. 2001)
A
Nach einer Erstepisode soll eine antipsychotische Rückfallprophylaxe über mindestens 1 Jahr erfolgen.
Deutlich erhöhtes Rückfallrisiko nach Absetzen der Medikation im ersten Jahr; Erhaltungsmedikation senkt die Rückfallraten substanziell
B
Ergänzende Verfahren wie Metakognitives Training (MKT), Soziales Kompetenztraining und kognitive Remediation können angeboten werden — insbesondere bei Wahn und kognitiven Verzerrungen (MKT), sozialen Funktionseinbußen (Kompetenztraining) und kognitiven Beeinträchtigungen (Remediation).
Randomisierte Studien und Metaanalysen zu den jeweiligen Zieldomänen; als Ergänzung des Gesamtbehandlungsplans

Weitere Leitlinien & Empfehlungen

NICE Clinical Guideline CG178: Psychosis and schizophrenia in adults — prevention and management
National Institute for Health and Care Excellence (NICE)Internationale Referenz für die Behandlung von Psychosen; definiert u.a. die KVT-P-Dosis von mindestens 16 Sitzungen und empfiehlt Familieninterventionen als Standardangebot.
Link →
DGPPN-Patientenleitlinie Schizophrenie
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)Laienverständliche Fassung der S3-Leitlinie — geeignet als Psychoedukationsmaterial für Patient:innen und Angehörige.

Literatur

Grundlagenwerke

Zubin J, Spring B (1977). Vulnerability — a new view of schizophrenia. Journal of Abnormal Psychology.
Begründung des Vulnerabilitäts-Stress-Modells: Psychose entsteht aus dem Zusammenspiel individueller Verletzbarkeit und aktueller Belastung. Bis heute das zentrale Erklärungsmodell der Psychoedukation und die Rationale für Stressmanagement und Rückfallprophylaxe.
Schneider K (1950). Klinische Psychopathologie. Thieme.
Beschreibung der Erstrangsymptome (u.a. Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung, kommentierende und dialogisierende Stimmen, Beeinflussungserleben) — sie prägen die Symptomgruppe 1 der ICD-10-Kriterien der Schizophrenie bis heute.

Meta-Analysen

Bighelli I, Salanti G, Huhn M, Schneider-Thoma J, Krause M, Reitmeir C, Wallis S, Schwermann F, Pitschel-Walz G, Barbui C, Furukawa TA, Leucht S (2018). Psychological interventions to reduce positive symptoms in schizophrenia: systematic review and network meta-analysis. World Psychiatry.
Netzwerk-Metaanalyse psychologischer Interventionen bei Positivsymptomatik: Kognitive Verhaltenstherapie ist wirksam in der Reduktion der Positivsymptomatik — Grundlage der A-Empfehlung für KVT-P.
Wykes T, Steel C, Everitt B, Tarrier N (2008). Cognitive behavior therapy for schizophrenia: effect sizes, clinical models, and methodological rigor. Schizophrenia Bulletin.
Metaanalyse zur KVT bei Schizophrenie: konsistente Effektstärken auf Zielsymptomatik über verschiedene Symptomdomänen; methodisch strengere Studien zeigen kleinere, aber weiterhin bedeutsame Effekte.
Pitschel-Walz G, Leucht S, Bäuml J, Kissling W, Engel RR (2001). The effect of family interventions on relapse and rehospitalization in schizophrenia — a meta-analysis. Schizophrenia Bulletin.
Familieninterventionen senken Rückfall- und Rehospitalisierungsraten bei Schizophrenie deutlich gegenüber Standardbehandlung — empirische Grundlage der A-Empfehlung für Familieninterventionen.

Praxisleitfäden

Lincoln T (2014). Kognitive Verhaltenstherapie der Schizophrenie: Ein individuenzentrierter Ansatz. Hogrefe.
Deutschsprachiges Standardmanual der KVT-P (2., überarbeitete Auflage): Beziehungsgestaltung und normalisierender Gesprächsstil, individuelles Störungsmodell, Arbeit an Wahn und Stimmenhören, Negativsymptomatik und Rückfallprophylaxe.
Moritz S, Woodward TS und Arbeitsgruppe (UKE Hamburg) (2010). Metakognitives Training bei Psychose (MKT) — Manual. Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (frei verfügbar).
Frei verfügbares, mehrsprachiges Gruppenmanual zu kognitiven Verzerrungen bei Psychose (u.a. voreiliges Schlussfolgern, Attributionsstile, Überzeugungsänderung) — regelmäßig aktualisiert, mit vollständigen Foliensätzen und Materialien; auch als Einzelvariante (MKT+).
Mehl S, Lincoln T (2014). Therapie-Tools Psychosen. Beltz.
Umfangreiche Arbeitsblatt- und Materialsammlung für die KVT-P: Psychoedukation, Stimmenhören, Wahnarbeit, Negativsymptomatik und Rückfallprophylaxe — direkt in der Sitzung einsetzbar.